Die ersten Plakat-Entwürfe kamen aus der Druckerei zurück. Frisch. Nach Farbe riechend. Plötzlich standen wir vor unseren eigenen Bildern wie Besucher einer fremden Ausstellung.
Das Format 50 × 70 gefällt uns. Ruhig. Präsenzstark. Im Rahmen bekam das Ganze dann eine Wendung, mit der niemand gerechnet hatte. Für einen kurzen Moment entstand dieser gefährliche Gedanke: Vielleicht sieht so ein Plakat fast schöner aus als das Original.
Ein absurder Gedanke natürlich. Und doch standen wir da zwischen Kaffee, Papier und Zweifel. Ja. Vielleicht. Pustekuchen. Am Ende gewinnen die Originale. Immer. Dort liegt die Spur des Pinsels. Die kleine Unsicherheit einer Linie. Das matte Glänzen der Farbe im Abendlicht. Ein Original atmet anders.
Aber Kunst soll auch wandern dürfen. Durch Flure. Küchen. Kleine Wohnungen mit schiefen Böden und Katzenhaaren auf der Fensterbank. Eben dorthin, wo Menschen leben und Tee trinken und manchmal zu lange aus dem Fenster schauen.
Darum gibt es die Plakate. Und weil uns der Gedanke gefiel, einige Motive sogar auf Leinwand. Fast wie kleine Geschwister der großen Arbeiten. Etwas unkomplizierter. Etwas leichter im Gepäck.
Sieben Motive haben wir ausgewählt und drucken lassen. Jedes trägt seine eigene Temperatur. Seine eigene Stimmung.
Jetzt beginnt der spannende Teil: Welches Bild nimmt die Menschen zuerst an die Hand?
In der Ausstellung „Farbe berührt“ entstehen zu ausgewählten Werken kleine Geschichten. Man kann sie lesen oder als Audio hören. Leise Texte. Manchmal märchenhaft. Manchmal wie eine Erinnerung, die plötzlich wieder auftaucht.
Dabei beschreiben diese Geschichten das Bild nur selten direkt.
Sie folgen eher seiner Bewegung. Dem Schwung eines Pinselstrichs. Einer Farbe. Einer Stimmung.
So entsteht beim Hören ein eigenes inneres Bild. Vielleicht sogar besonders stark dort, wo das Auge schweigt und andere Sinne beginnen, genauer zu lauschen. Geräusche bekommen Farben. Licht wird Temperatur. Ein Pinselstrich kann sich anfühlen wie Wind oder wie ein schwerer Schritt durch nassen Sand.
Daher nennen wir unsere Geschichten: Hörbilder. Sie schaffen sich kleine Räume in den Köpfen der Hörer. Und manchmal geschieht dabei etwas Schönes: Menschen stehen vor derselben Leinwand und sehen doch völlig unterschiedliche Welten.
Der Rahmen gehört zu den am meisten unterschätzten Elementen der Kunstpräsentation. Dabei entscheidet er wesentlich darüber, wie ein Werk wahrgenommen wird. Er definiert Abstand. Er lenkt Konzentration. Und er markiert den Übergang vom Gebrauchsgegenstand zum autonomen Bild.
Das gilt besonders für kleine Formate.
In der Ausstellungspraxis spielt die Größe eines Werkes dabei eine geringere Rolle als die Qualität seiner Setzung im Raum. Gerade kleine Arbeiten gewinnen häufig durch großzügige Rahmungen oder breite Passepartouts an Präsenz. Der zusätzliche Raum erzeugt Konzentration und stärkt die visuelle Eigenständigkeit des Motivs.
Die Idee, kleinen Arbeiten große Rahmen zu geben, besitzt zudem eine kunsthistorische Tradition. Besonders im Jugendstil verstand man den Rahmen als integralen Bestandteil des Werkes. Künstler und Kunsthandwerker entwickelten Rahmungen, die weit über eine rein schützende Funktion hinausgingen. Der Rahmen wurde zu einer eigenständigen gestalterischen Ebene.
Eine gerahmte Postkarte bewegt sich daher in einem spannenden Zwischenbereich: zwischen Objekt, Grafik und Kunstwerk. Gerade diese Ambivalenz macht ihren Reiz aus. Und vielleicht liegt darin eine zeitgemäße Form des Sammelns: dem Kleinen dieselbe Aufmerksamkeit zuzugestehen wie dem Monumentalen. (TG)
Eine Kunstausstellung bringt erstaunliche Fragen hervor. Zum Beispiel diese:
„Wie hört man eigentlich ein Bild, ohne dabei zwölf andere Menschen mitzubeschallen?“
Die Antwort liegt inzwischen bei uns auf dem Tisch. Klein. Weiß. Ein wenig wie ein medizinisches Gerät aus einem Science Fiction Film der frühen Neunzigerjahre.
Für Farbe berührt haben wir Hörstationen vorbereitet. Einige Arbeiten erzählen nämlich weiter. Leise. Per Audio. Gedanken, Geschichten, kleine Nebenwege. Dafür braucht man ein Smartphone und Kopfhörer.
Und weil das Leben voller Überraschungen steckt, besitzen erstaunlich viele Menschen unterwegs entweder:
a) gar keine Kopfhörer oder b) ein Kabel mit exakt jenem Anschluss, der seit gestern ausgestorben scheint.
Also haben wir vorgesorgt.
Ein gutes Dutzend dieser „Hördinger“ wartet nun in der Ausstellung auf seinen Einsatz. Diese Kopfhörer werden ans Ohr geklipst statt tief hineingestopft. Das wirkt zunächst etwas futuristisch, trägt sich aber angenehm unkompliziert. Vor allem entsteht dabei jenes beruhigende Gefühl, dass vorher niemand mit dem Gerät bis zum Trommelfell hinabgewandert ist.
Kurz gesagt: hygienisch, leicht zu benutzen und freundlich zu Frisuren, Ohrringen und Menschen, die bei Technik grundsätzlich erst einmal seufzen.
Die kleinen weißen Dinger verleihen wir während der Ausstellung natürlich kostenlos.
Man setzt sie ans Ohr. Das Bild beginnt zu sprechen. Und plötzlich steht man mitten zwischen Farbe, Stimme und eigenen Gedanken.
Über das, was unsere Ausstellung Farbe berührt so besonders macht, reden wir am liebsten gar nicht. Wirklich. Wir haben es versucht. Es klang sofort nach Broschüre.
Also machen wir das, was wir können: Wir zeigen unsere Arbeiten. Roswitha Schumacher-Kuckelkorn bringt ihre Malerei an die Wände, ich hänge Fotografien daneben und stelle Keramiken dazu.
Dann kam dieser Ort ins Spiel. Die Städtische Galerie im Schwingeler Hof. Und die Stadt Wesseling sagte: Macht mal. Wir vertrauen euch.
Das ist der Moment, in dem man kurz innehält. Und dann beschwingt weitermacht. Irgendwann fragte jemand, ob wir QR-Codes einsetzen. Wir sagten ja. Warum auch nicht. Kleine Quadrate, die Dinge erzählen. Harmlos. Fast schon langweilig. Und dann kippte etwas ganz leise.
Die QR-Codes bekamen Gesellschaft. NFC-Tags. Winzige Chips. Man hält das Smartphone hin, und sie flüstern los. Keine App-Orgie, kein Technikzirkus. Ein kurzes Berühren reicht. Hinter diesen unscheinbaren Dingern liegen Texte. Keine Erklärungen im üblichen Sinn. Eher kleine Nebenräume. Geschichten, die dicht an den Arbeiten sitzen. Sie lösen sich beim Hören und wandern in den Kopf des Besuchers. Dort passiert etwas Eigenartiges: Das Bild entsteht noch einmal. Anders. Persönlich. Vielleicht sogar genauer.
Menschen, die nicht sehen, hören plötzlich Bilder. Menschen, die sehen, hören plötzlich genauer. Und dann stehen sie nebeneinander und reden. Miteinander, nicht übereinander. In aller Ruhe über das, was gerade in ihnen entstanden ist.
Das ist kein pädagogisches Konzept. Es ist eher ein Zufall, der gut ausgegangen ist.
Man könnte jetzt sagen: inklusiv. Man könnte aber auch einfach sagen: gemeinsam.
Wir haben nie geplant, inklusiv zu sein. Wir wollen nur niemanden vergessen.
Die Städtische Galerie Wesseling hilft dabei. Es gibt kaum Hindernisse. Türen, die auch einen Rollstuhl durchlassen. Ein öffentlicher Raum, der sich benimmt wie ein Gastgeber und nicht wie ein Türsteher. Und plötzlich ist etwas da, das andere mühsam planen. Hier steht es einfach im Raum. Wie ein Tisch, an dem genug Platz ist.
Das gleiche Spiel beim Thema Nachhaltigkeit. Ein großes Wort. Ein lautes Wort. Unsere Arbeiten kommen leiser daher.
Kunst sammelt. Seit jeher. Sie hebt auf, was sonst durchrutscht. Ein Rest Farbe. Ein Stück Ton. Ein Motiv, das schon einmal da war und jetzt wieder auftaucht, leicht verschoben, wie eine Erinnerung, die sich neu sortiert.
Nichts daran ruft laut: Seht her, ich bin nachhaltig. Es passiert einfach.
Vielleicht liegt darin der ganze Witz. Während draußen Begriffe verhandelt werden, haben wir längst damit gearbeitet. Ohne Etikett. Ohne Absicht, jemandem etwas zu beweisen.
Ein Freund fragte neulich, was denn nun das Besondere an der Ausstellung sei. Wir haben kurz überlegt.
Dann haben wir auf die Arbeiten gezeigt. Er hat genickt.
Dieses Bild wird seinen Weg wahrscheinlich in die Ausstellung finden. Dazwischen steht nur noch der Kurator. Wir sind uns längst einig. Es wird spannend. Eine Geschichte gibt es natürlich auch schon:
Der Resonanzmesser – zum Lesen hier klicken.
Das Bild hing an der Wand und tat so, als wäre alles in Ordnung. Doch nachts, wenn die Galerie still wurde und das letzte Licht über den Boden kroch, begann auf der Leinwand ein Murmeln. Die Farben rückten zusammen. Sie flüsterten, schimpften, schnaubten. Ein Farbenmeer kurz vor dem Orkan.
Rot war aufgewühlt. Glühend. Ungeduldig. „Mich sehen alle“, sagte es. „Feuer. Blut. Liebe. Ich brenne überall. Doch verstanden werde ich selten.“
Gelb flackerte daneben. „Du bekommst wenigstens Blicke. Man nennt mich grell. Zu laut. Als wäre Licht ein Fehler.“
Grün rückte näher. Ruhig wie Gras nach Regen. „Ihr beide seid überall. Ich wachse dazwischen und höre euch streiten.“
Dann trat Blau hervor. Tiefblau. Schwer wie die tiefste See. „Ich trage den Himmel“, sagte es langsam.
Ein helles Blau zuckte daneben. „Und ich?“ rief es. „Man hält mich für dünn. Für harmlos. Für Dekoration.“
Das Murmeln wuchs. Orange schimpfte über Gelb. Gelb über Grün. Tiefblau über Hellblau.
Bald klang die Leinwand wie ein Markt voller verletzter Stimmen.
„Ich bin kräftiger.“ „Ich wirke edler.“ „Mich wählen die Menschen häufiger.“
Das dunkle Blau murmelte sogar das Wort: Preis. Daraufhin schwieg das dunkle Grün lange. Schließlich sprach es mit rauer Stimme: „Preis misst Farbe wie eine Waage den Wind.“
Da wurde es still.
Am unteren Rand der Leinwand erschien ein alter Mann. Staubige Schuhe. Ein Mantel voller Taschen. Er trug ein seltsames Instrument aus Glas und Messing. „Wer bist du?“ fragte Rot. Der Mann lächelte. „Ein Vermesser.“ „Was misst du?“ rief Gelb. Er stellte das Gerät vorsichtig auf die Leinwand.
„Resonanz.“
Die Farben rückten näher. Der Vermesser hielt den Resonanzmesser zuerst in das Gelb. Das Glas begann zu leuchten. Warm. Sanft. Gelb blinzelte überrascht. Dann prüfte er das Tiefblau. Die Anzeige glühte wieder. Ruhig und tief. Hellblau folgte. Ein weiches Licht wanderte durch das Röhrchen. Rot. Grün. Orange. Eine Farbe nach der anderen. Der Vermesser nickte nach jeder Messung.
„Seltsam“, murmelte Rot schließlich; es hatte dem Mann über die Schulter geschaut. „Alle gleich.“
Der Mann klopfte leicht an das Glas.
„Wert entsteht dort, wo eine Farbe im Inneren eines Menschen eine Erinnerung berührt. Das nennt man Resonanz.“ Die Farben sahen sich an. Tiefblau rückte näher an Hellblau. Gelb schob ein wenig Licht zu Grün. Rot breitete seine Wärme über alle aus.
Der Streit löste sich.
Die Farben begannen sich zu mischen. Ganz vorsichtig. Die Leinwand leuchtete nun wie ein gemeinsamer Atem.
Am Morgen kam der erste Besucher.
Er trat näher. Schritte auf dem Steinboden. Leise. Sein Blick wanderte über Rot und Gelb. Über Grün. Dann blieb er beim Hellblau stehen. Er runzelte die Stirn. „Dich kenne ich“, murmelte er. Eine Erinnerung stieg auf. Ein Himmel über einem See. Früher Sommer. Ein Stein, der über Wasser sprang. Das Hellblau begann zu leuchten. Unten auf der Leinwand stand noch immer der Resonanzmesser des Vermessers. Der Zeiger bewegte sich.
Der Besucher trat einen Schritt zurück. „Dieses Bild“, sagte er leise, „fühlt sich warm an.“
Er wusste nicht, dass in diesem Moment alle Farben lächelten. Ihr Wert lag weder in ihrer Helligkeit. Noch in ihrer Seltenheit. Noch im Preis eines Pigments. Ihr Wert lebte in dem Augenblick, in dem ein Mensch vor ihnen stehen blieb und etwas in sich wiederfand. Seit jener Nacht warten die Farben geduldig auf neue Augen. Auf einen Blick, der innehält. Auf ein Herz, das sich erinnert.
Und jedes Mal, wenn das geschieht, hebt der Resonanzmesser seinen Zeiger ein kleines Stück.
Hörbild: „Der Resonanzmesser“ – gesprochen von Susanne Giesen-Pätz
Vom kreativen Durcheinander zur kuratierten Ordnung.
Das Atelier von Roswitha Schumacher-Kuckelkorn wirkt wie ein aufgeschlagenes Skizzenbuch. Nur dass die Seiten hier Wände sind. Und der Tisch. Und der Boden.
Farben stehen in Gruppen. Tuben stehen aufrecht. Leinwände sind startklar. Frisch getöpferte Vasen warten auf ihre Bemalung. Ein riesengroßes Durcheinander, doch hier schlägt das Herz von: Farbe berührt
Ein Bild. Noch eines. Und noch eines.
„Die Leinwände werden zu Feldern, auf denen Eindrücke, Erinnerungen und Landschaften zu Farbräumen zusammenschmelzen.“ (Kunsthaus ARTES)
Für uns beginnt nun die eigentliche Arbeit. Die stille, unbequeme. Welches Bild geht in die Ausstellung? Die Frage klingt harmlos. Sie ist es nicht.
Ein Atelier liebt seine Fülle. Eine Ausstellung verlangt Auswahl.
Plötzlich stehen wir vor einer Wand aus Möglichkeiten. Drei Bilder passen nebeneinander. Fünf wollen hinein. Zehn schauen uns an wie Kinder, die ebenfalls mit zum Ausflug möchten. Ein Kurator denkt in Linien, Rhythmen, Blickachsen. Ein Künstler denkt in Geschichten. Ein Bild denkt gar nicht. Es wirkt einfach.
Parameter tauchen auf. Größe. Farbklang. Ein Bild darf den Raum öffnen. Ein anderes muss antworten. Ein drittes hält Stille zwischen zwei starken Stimmen.
Manchmal entscheidet der Kopf. Oft entscheidet der Bauch. Und gelegentlich entscheidet das Bild selbst. Die Ausstellung entsteht aus dieser seltsamen Mischung aus Zweifel, Intuition und Gespräch. Zwischen Staffelei und Kaffeetasse. Zwischen zwei Blicken, die auf dasselbe Bild fallen und dennoch Verschiedenes sehen.
Am Ende verlässt nur ein kleiner Teil der Werke den Raum. Der Rest bleibt zurück.