Der Resonanzmesser

Dieses Bild wird seinen Weg wahrscheinlich in die Ausstellung finden. Dazwischen steht nur noch der Kurator. Wir sind uns längst einig. Es wird spannend. Eine Geschichte gibt es natürlich auch schon:

Der Resonanzmesser – zum Lesen hier klicken.

Das Bild hing an der Wand und tat so, als wäre alles in Ordnung.
Doch nachts, wenn die Galerie still wurde und das letzte Licht über den Boden kroch, begann auf der Leinwand ein Murmeln. Die Farben rückten zusammen. Sie flüsterten, schimpften, schnaubten. Ein Farbenmeer kurz vor dem Orkan.

Rot war aufgewühlt. Glühend. Ungeduldig. „Mich sehen alle“, sagte es. „Feuer. Blut. Liebe. Ich brenne überall. Doch verstanden werde ich selten.“

Gelb flackerte daneben. „Du bekommst wenigstens Blicke. Man nennt mich grell. Zu laut. Als wäre Licht ein Fehler.“

Grün rückte näher. Ruhig wie Gras nach Regen. „Ihr beide seid überall. Ich wachse dazwischen und höre euch streiten.“

Dann trat Blau hervor. Tiefblau. Schwer wie die tiefste See. „Ich trage den Himmel“, sagte es langsam.

Ein helles Blau zuckte daneben. „Und ich?“ rief es. „Man hält mich für dünn. Für harmlos. Für Dekoration.“

Das Murmeln wuchs. Orange schimpfte über Gelb. Gelb über Grün. Tiefblau über Hellblau.

Bald klang die Leinwand wie ein Markt voller verletzter Stimmen. 

„Ich bin kräftiger.“
„Ich wirke edler.“
„Mich wählen die Menschen häufiger.“

Das dunkle Blau murmelte sogar das Wort: Preis.
Daraufhin schwieg das dunkle Grün lange. Schließlich sprach es mit rauer Stimme: 
„Preis misst Farbe wie eine Waage den Wind.“

Da wurde es still.

Am unteren Rand der Leinwand erschien ein alter Mann. Staubige Schuhe. Ein Mantel voller Taschen. Er trug ein seltsames Instrument aus Glas und Messing.
„Wer bist du?“ fragte Rot. Der Mann lächelte. „Ein Vermesser.“
„Was misst du?“ rief Gelb.
Er stellte das Gerät vorsichtig auf die Leinwand.

„Resonanz.“

Die Farben rückten näher. Der Vermesser hielt den Resonanzmesser zuerst in das Gelb. Das Glas begann zu leuchten. Warm. Sanft. Gelb blinzelte überrascht. Dann prüfte er das Tiefblau. Die Anzeige glühte wieder. Ruhig und tief. Hellblau folgte. Ein weiches Licht wanderte durch das Röhrchen. Rot. Grün. Orange. Eine Farbe nach der anderen. Der Vermesser nickte nach jeder Messung.

„Seltsam“, murmelte Rot schließlich; es hatte dem Mann über die Schulter geschaut. „Alle gleich.“

Der Mann klopfte leicht an das Glas.

„Wert entsteht dort, wo eine Farbe im Inneren eines Menschen eine Erinnerung berührt. Das nennt man Resonanz.“ Die Farben sahen sich an. Tiefblau rückte näher an Hellblau. Gelb schob ein wenig Licht zu Grün. Rot breitete seine Wärme über alle aus.

Der Streit löste sich.

Die Farben begannen sich zu mischen. Ganz vorsichtig. Die Leinwand leuchtete nun wie ein gemeinsamer Atem. 

Am Morgen kam der erste Besucher.

Er trat näher. Schritte auf dem Steinboden. Leise. Sein Blick wanderte über Rot und Gelb. Über Grün. Dann blieb er beim Hellblau stehen. Er runzelte die Stirn. „Dich kenne ich“, murmelte er. Eine Erinnerung stieg auf. Ein Himmel über einem See. Früher Sommer. Ein Stein, der über Wasser sprang. Das Hellblau begann zu leuchten. Unten auf der Leinwand stand noch immer der Resonanzmesser des Vermessers. Der Zeiger bewegte sich. 

Der Besucher trat einen Schritt zurück. „Dieses Bild“, sagte er leise, „fühlt sich warm an.“

Er wusste nicht, dass in diesem Moment alle Farben lächelten. Ihr Wert lag weder in ihrer Helligkeit. Noch in ihrer Seltenheit. Noch im Preis eines Pigments. Ihr Wert lebte in dem Augenblick, in dem ein Mensch vor ihnen stehen blieb und etwas in sich wiederfand. Seit jener Nacht warten die Farben geduldig auf neue Augen. Auf einen Blick, der innehält. Auf ein Herz, das sich erinnert. 

Und jedes Mal, wenn das geschieht, hebt der Resonanzmesser seinen Zeiger ein kleines Stück.

Hörbild: „Der Resonanzmesser“ – gesprochen von Susanne Giesen-Pätz

Bilder über Bilder

Vom kreativen Durcheinander zur kuratierten Ordnung.

Das Atelier von Roswitha Schumacher-Kuckelkorn wirkt wie ein aufgeschlagenes Skizzenbuch. Nur dass die Seiten hier Wände sind. Und der Tisch. Und der Boden.

Farben stehen in Gruppen. Tuben stehen aufrecht. Leinwände sind startklar. Frisch getöpferte Vasen warten auf ihre Bemalung. Ein riesengroßes Durcheinander, doch hier schlägt das Herz von: Farbe berührt

Ein Bild.
Noch eines.
Und noch eines.

„Die Leinwände werden zu Feldern, auf denen Eindrücke, Erinnerungen und Landschaften zu Farbräumen zusammenschmelzen.“ (Kunsthaus ARTES)

Für uns beginnt nun die eigentliche Arbeit. Die stille, unbequeme. Welches Bild geht in die Ausstellung? Die Frage klingt harmlos. Sie ist es nicht.

Ein Atelier liebt seine Fülle. Eine Ausstellung verlangt Auswahl.

Plötzlich stehen wir vor einer Wand aus Möglichkeiten. Drei Bilder passen nebeneinander. Fünf wollen hinein. Zehn schauen uns an wie Kinder, die ebenfalls mit zum Ausflug möchten. Ein Kurator denkt in Linien, Rhythmen, Blickachsen. Ein Künstler denkt in Geschichten. Ein Bild denkt gar nicht. Es wirkt einfach.

Parameter tauchen auf.
Größe.
Farbklang.
Ein Bild darf den Raum öffnen.
Ein anderes muss antworten.
Ein drittes hält Stille zwischen zwei starken Stimmen.

Manchmal entscheidet der Kopf. Oft entscheidet der Bauch. Und gelegentlich entscheidet das Bild selbst. Die Ausstellung entsteht aus dieser seltsamen Mischung aus Zweifel, Intuition und Gespräch. Zwischen Staffelei und Kaffeetasse. Zwischen zwei Blicken, die auf dasselbe Bild fallen und dennoch Verschiedenes sehen.

Am Ende verlässt nur ein kleiner Teil der Werke den Raum.
Der Rest bleibt zurück.

Licht findet Oberfläche

Eine Fotografie beginnt mit einem Moment der Aufmerksamkeit.
Ein kurzer Druck auf den Auslöser genügt. Licht fällt durch das Objektiv, sammelt sich auf dem Sensor und formt eine Datei. Lautlos entsteht ein Bild.

Viele Fotografien enden an dieser Stelle im digitalen Schlaf. Einige wenige verlangen nach einem Körper. Sie wissen: Ein Bild lebt erst, wenn es den Bildschirm verlässt.

An diesem Punkt beginnt eine zweite Arbeit.

Die Bilddateien verlassen meinen Computer und gelangen zu den Spezialisten von Saal Digital. Dort beginnt ein Prozess, der technisches Wissen, Erfahrung und ein feines Gespür für Material verlangt. Farben werden geprüft. Tonwerte abgestimmt. Übergänge zwischen Hell und Dunkel sorgfältig ausbalanciert.

Gerade in meinen Blumenfotografien entscheidet oft eine kaum wahrnehmbare Nuance über die Wirkung eines Bildes. Ein minimal verschobener Ton verändert sofort die Spannung des gesamten Motivs. Für diese Arbeiten wähle ich häufig Aluminiumverbund mit gebürsteter Oberfläche. Das Material besitzt eine feine lineare Struktur. Helle Bildbereiche greifen diese Linien auf und beginnen zu schimmern. Dunkle Flächen verlangen eine präzise Steuerung des Drucks, damit Tiefe entsteht und das Bild seine Ruhe behält.
Hier zeigt sich Erfahrung im Umgang mit Bild und Material. Schicht für Schicht verbindet sich Farbe mit Metall. Drucktechnik und Oberfläche treten in einen stillen Dialog. Das Licht findet im Material eine neue Bühne. Langsam geschieht eine Verwandlung. Die digitale Datei verliert ihre Flüchtigkeit. Eine Blume tritt aus der Fläche hervor.

Aus einem fotografischen Moment entsteht ein Objekt.

Fotografie, Material und handwerkliche Präzision bilden gemeinsam ein Werk, das mehr Präsenz besitzt als die Datei, aus der es einst hervorging.


Am Anfang stand ein Blick.
Am Ende steht ein Bild, in dem das Licht eine Oberfläche gefunden hat.

Sooo groß….

Man tritt ein.
Und plötzlich wird die eigene Stimme kleiner.

Die Scheune des Schwingeler Hofes spannt ihr Dach wie ein umgedrehter Schiffsrumpf über uns. Balken über Balken. Weit. Offen. Fast einschüchternd.

Unten auf dem Boden stehen zwei Menschen und schauen.
Dr. Arno-Lutz Henkel, der Kurator.
Roswitha Schumacher-Kuckelkorn.

Sie wirken für einen Moment wie Spielzeugfiguren. So groß ist das hier. So entschieden. Die Ziegel unter den Füßen tragen noch das Geräusch vergangener Jahre. Schritte. Arbeit. Wetter. Jetzt tragen sie bald Farbe. Keramik. Fotografie. Klang. Geschichten. Vielleicht auch ein paar ratlose Besucher, die den Kopf heben und denken: Oha.

Ein Raum dieser Größenordnung verlangt Haltung. Er fordert Klarheit. Mut. Und ein gutes Maß an Gelassenheit. Wir stehen da und überlegen:
Wie viel Stille braucht so ein Raum?
Wie viel Farbe verträgt er?
Wie lässt man Bilder atmen, ohne dass sie sich verlieren?

Ein großer Ausstellungsraum ist weit mehr als ein leeres Volumen. Es ist ein Resonazraum, der Stille verstärkt, Licht dirigiert und Proportionen in Frage stellt.
Solche Räume sind eine Herausforderung, die Künstler, Kuratoren und Besucher gleichermaßen in einen intensiven Dialog zwingt.

Und genau das reizt.

Denn Kunst will Raum. Nicht nur Wandfläche. Raum zum Gehen. Zum Abstandnehmen. Zum Näherkommen. Ein bisschen Ehrfurcht und Demut ist also erlaubt. Ein bisschen Lampenfieber auch. Aber keine Sorge. Wir bringen keine Zirkusnummer mit. Wir bringen Arbeiten, die stehen können. Die sich behaupten. Die vielleicht sogar das Dach ein wenig zum Schwingen bringen.

Und wir?
Wir stellen uns diesem Raum. Mit Respekt. Mit Humor. Mit einem Maßband in der Hand und leuchtenden Augen.

Sooo groß.

Und genau richtig.

Das Herrenhaus

Die Städtische Galerie Wesseling. Hinter diesen Mauern atmet Zeit. Seit 1788. Zwei Etagen. Viele Zimmer. Holzdielen knarren bei jedem Schritt. Wunderbar.

Vor mehr als zweihundert Jahren empfingen hier Gastgeber ihre Gäste. Man speiste. Man schlief. Man flüsterte hinter schweren Türen. Heute hängt Kunst an den Wänden, steht im Raum, lehnt sich an die Fensterbänke. Viele Künstler haben hier gearbeitet, gehängt, gezweifelt. Jetzt sind wir an der Reihe.

Im Oktober 2026 öffnen wir das Herrenhaus für die Ausstellung „Farbe berührt“.

Mit Dr. Arno-Lutz Henkel haben wir die ersten Linien gezogen. Er hat präzise Vorstellungen. Er hört genau hin. Die Räume bekommen eine Aufgabe. Wir auch.

NFC-Tag

Was passiert, wenn man unseren Kunstwerken näherkommt?

Ein NFC-Tag ist ein kleiner, flacher Chip. Wir plazieren ihn unauffällig am oder nahe beim Kunstwerk. Moderne Smartphones können ihn problemlos lesen.

Die Nutzung ist einfach:
Das Smartphone wird dicht an den Chip gehalten. Der Tag reagiert auf kurze Distanz per Funk. Er enthält selbst keine Energie, sondern wird für einen Moment durch das Telefon aktiviert. Dabei öffnet sich automatisch ein hinterlegter Inhalt, etwa eine Audiodatei, eine zusätzliche Bilddatei oder ein kurzer Text.

Für die Ausstellung heißt das:
Jedes Werk kann um eine akustische oder erklärende Ebene ergänzt werden. Ohne, dass die Besucher eine App installieren müssen. Ohne aufwendige Suche. Ohne technische Hürden.

Das Bild spricht, sobald man sich ihm nähert. Aber nur wenn man will.

Das Smartphone dient hier als Schlüssel, nicht als Ablenkung. So entsteht eine zweite Ebene der Wahrnehmung. Sehen bleibt Sehen. Hören kommt hinzu. Und beides verbindet sich direkt am Kunstwerk.

Nachhaltigkeit

Auf dem Tisch sind alte Acrylreste. Haut. Kruste. Farbe, die bestenfalls abgekratzt und weggeworfen wird. Roswitha sieht da noch Potential. Sie hebt sie an, prüft ihr Gewicht, hört kurz hin. Dann beginnt das Farbabenteuer:

Ein leiser Eingriff. Nur ein alter Spachtel. Die Farbreste geben nach. Zögernd zuerst. Dann geschmeidig. Sie werden weich, biegsam, elastisch. Roswitha arbeitet behutsam. Sie arrangiert und legt frei.

Die Partikel lösen sich von den Oberflächen, an denen sie haften. Sie tragen Spuren in sich. Risse. Schichten. Staub von Räumen mit früherem Licht. All das bleibt. Den Trick verraten wir nicht. Wegen seiner Schlichtheit.

Vielleicht besteht er aus Geduld. Aber egal, was es auch sei. Roswitha nennt das ganz einfach Transformation.
Oder sagt gar nichts.

Alles oder nichts

Für mich solls rote Rosen regnen. Hildegard Knef singt vom Wunsch nach dem Vollen. Vom Tisch, der sich biegt. Vom Leben, das Farbe bekennt. Alles meint Überfluss. Lautstärke. Glanz. Ein Ja ohne Zögern.

Die Bilder von Roswitha Schumacher-Kuckelkorn sprechen in dieser Lautstärke. Farben drängen nach vorn. Helles Braun stößt an Gelb. Blau lacht über Grün. Die Leinwand atmet Fülle. Der Raum, die Leinwand, füllt sich mit Blicken. Die Augen der Besucher trinken. Das Herz geht mit. Alles zeigt sich. Alles will gesehen werden.

Mehr als zweitausend Jahre zuvor schaut Laotse von einer anderen Seite. Er hebt eine Teeschale an. Er zeigt auf das Nichts, den leeren Raum darin. Die Form trägt. Die Leere hält. Das Wesentliche sammelt sich im Offenen. Tee fließt nur dorthinein, wo Platz bleibt. Der Sinn einer Teeschale wohnt im Freigelassenen.

Alles und Nichts berühren sich. Beide verlangen Mut. Alles fordert Hingabe. Nichts fordert Vertrauen. Zwischen beiden spannt sich ein feines Band. Es trägt Gewicht. Es schwingt.

Die Keramiken von Torsten Gripp stehen still. Dunkler Ton. Dezente Glasuren. Innen weitet sich der Raum. Das „Nichts“ öffnet nicht nur die Türen für Tee. Auch das Innere der Menschen wird angesprochen. Um die Intension des Künstlers nachvollziehen zu können, bekommen besondere Stücke einen Namen. Die unten abgebildete Matcha-Schale bekam als Zeichen der Wertschätzung den Namen:

静園 – Sei en
(Ein stiller, in sich ruhender Garten.)

Beides lebt vom gleichen Kern. Vom Mut zur Klarheit. Die Eine gibt Farbe frei. Der Andere gibt Raum frei. Ihr Alles leuchtet. Sein Nichts trägt. Zusammen entsteht Spannung. Wie ein Atemzug. Einatmen füllt. Ausatmen klärt.

Farbe berührt, weil sie wagt. Stille berührt, weil sie lässt. Das Auge springt. Die Hand verweilt. Der Schritt verlangsamt sich. Der Besucher lächelt irgendwo zwischen Bild und Becher. Jeder Mensch kennt diesen Ort. Jeder weiß um die Kraft des Dazwischen.

Alles oder nichts wirkt wie eine Entscheidung. In Wahrheit zeigt sich ein Kreis. Fülle wächst aus Leere. Leere schützt Fülle. Das Lied von den roten Rosen und die Lehre vom offenen Gefäß reichen sich die Hand. Beide sprechen vom gleichen Wunsch. 

Ein Leben, das stimmt. 

PLÄDOYER FÜR EINE VASE

In einer Ausstellung voller makelloser Keramikobjekte fällt sie sofort auf. Eine Vase, deren Risse sich frei über die Oberfläche ziehen. Die Keramik ist in zwei Teile zerbrochen. Ein Draht hält die Fragmente zusammen. Sie ist nicht mehr wasserdicht. Als Vase ungeeignet. Und dennoch steht sie im Zentrum eines Kapitels der Ausstellung Farbe berührt: Inklusion und Nachhaltigkeit.

Die Entscheidung, dieses Stück zu zeigen, ist alles andere als eine sentimentale Geste. Sie ist ein bewusstes Statement. In einer Zeit, in der Funktionsverlust oft zu Wertverlust führt, behauptet diese Vase das Gegenteil. Sie zeigt, dass ein Gegenstand trotz Beschädigung eine Bedeutung haben kann. Dass Schönheit nicht an Perfektion gebunden ist. Und dass Weiterverwendung mehr als eine ökologische Haltung ausdrückt. Sie erzählt von Wertschätzung.

Die Vase eignet sich nicht mehr für Wasser. Doch für Trockenblumen ist sie ideal. Und selbst ohne Inhalt bildet sie ein eigenes ästhetisches Zentrum. Sie steht nicht am Rand der Ausstellung, sondern mittendrin. Das ist ein wichtiger Punkt. Inklusion entsteht genau dort, wo Unterschiedlichkeit nicht abseits präsentiert wird, sondern selbstverständlich Teil des Ganzen ist.

Der chinesische Philosoph Laotse formulierte vor mehr als zweitausend Jahren einen Gedanken, der überraschend modern wirkt. In seinem berühmten Hinweis auf das „Nichts“ beschreibt er die Funktion des Leeren. Nicht die Wände eines Gefäßes, so sagt er, machen es nützlich, sondern der Raum dazwischen. Die Leere verleiht dem Objekt seine Aufgabe.

Überträgt man diesen Gedanken auf die beschädigte Vase, entsteht eine neue Lesart. Nicht der verlorene Nutzen definiert sie. Sondern das, was sich geöffnet hat. Die Risse lassen Licht durch. Sie lassen Luft hinein. Sie machen sichtbar, was vorher verdeckt war. Das Gefäß bekommt nicht weniger Bedeutung, sondern eine andere.

Inklusion bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, ein defektes Objekt aus Mitleid zu integrieren. Es bedeutet, seine veränderte Form ernst zu nehmen und seine Qualitäten neu zu betrachten. Die Vase ist nicht mehr dasselbe Objekt wie früher. Doch sie bleibt ein Objekt mit Charakter. Sie zeigt WandelbarkeitVerletzlichkeitWiderstandskraft. Genau dieser Dreiklang macht sie interessant.

Auch der Aspekt der Nachhaltigkeit erhält hier eine konkrete, fassbare Form. Keramik wegzuwerfen ist immer ein endgültiger Akt. Sie zerschellt, bleibt aber unvergänglich. Ton verschwindet nicht. Hier wurde nicht zerstört, sondern bewahrt. Reparatur wäre kaum möglich gewesen. Also fand man eine Zwischenlösung: ein Draht, pragmatisch, unsentimental. Funktional genug, um den Zustand zu stabilisieren. Sichtbar genug, um die Geschichte nicht zu verstecken.

Am Ende wirkt die Vase fast wie ein leiser Kommentar zur gesamten Ausstellung. Farbe berührt zeigt, wie Nuancen wahrgenommen werden können. Wie Schattierungen emotionale Tiefe eröffnen. Dieses Objekt führt eine weitere Dimension hinzu. Es lenkt den Blick auf die Brüche, die Übergänge, die offenen Stellen.

Und es erinnert daran, dass Wert nicht verschwindet, nur weil etwas anders geworden ist.

Inklusion entsteht genau dort,
wo Unterschiedlichkeit selbstverständlich Teil des Ganzen ist.