
Text: „Margerite.“ – hier klicken.
Es war einmal eine Blume.
Sie stand am Wegesrand. Mitten im Grün.
Wer sie ansah, rieb sich die Augen. Ihre Blätter wirkten wie aus Nebel gemacht, als hätten sie beschlossen, sich ein kleines Geheimnis zu bewahren. Nur ihr Herz, tief im Inneren, leuchtete klar und warm. Ein goldenes Flämmchen. Ganz still. Aber entschieden.
Die Menschen im Dorf nannten sie Margerite. Manche gingen an ihr vorbei und sagten: „Ich sehe sie kaum.“ Andere blieben stehen und flüsterten: „Sie sieht mich.“
Eines Tages kam ein junger Wolkensammler des Weges. Er trug eine Tasche voller unsichtbarer Dinge: ein Lachen vom letzten Sommer, ein Stück Abendrot, das er aufgehoben hatte, und ein paar Geigenklänge, die ihm aus dem Himmel gefallen waren, als dieser einmal besonders voll hing.
Als er die Blume sah, blieb er stehen.
„Warum versteckst du dich?“, fragte er.
Die Blume schmunzelte, soweit Blumen eben schmunzeln können.
„Ich verstecke mich nicht. Ich vertraue.“
Der Wolkensammler kniete sich zu ihr.
„Du bist unscharf“, sagte er leise.
„Nur für die Eiligen“, antwortete sie.
Da setzte er sich neben sie.
Nach einer Weile öffnete er seine Tasche und holte das Abendrot heraus. Er legte es vorsichtig neben die Blume.
Die Margerite betrachtete es lange.
Dann gab sie ihm ein wenig von ihrem Gelb.
Der Wolkensammler steckte es in seine Tasche, zu dem Lachen vom letzten Sommer und den Geigenklängen, die ihm einmal aus dem Himmel gefallen waren.
Dann saß er noch eine Weile da.
Als er weiterging, blieb das Abendrot bei der Margerite.
Und ein wenig Gelb ging mit ihm.
(T.G.)
Musik: „Das Licht gehört niemandem“ – Instrumental
Hörbild: „Margerite“ – gesprochen von Susanne Giesen-Pätz.
Hörbild: „Margerite“ – gesprochen von Vera Kravec.
