TG-M-2

Nach der Vorstellung

Der letzte Applaus war längst verklungen.
Irgendwo draußen wurden Stühle gestapelt. Eine Tür fiel ins Schloss. Schritte entfernten sich über einen Flur. Dann blieb nur noch das leise Summen der Neonröhren.

Sie saß vor dem Schminkspiegel.
Die Perücke lag bereits neben ihr. Ein Wimpernkranz klebte noch halb am Rand des Waschbeckens. Auf dem Tisch standen Pinsel, Puder, Lippenstift und ein Glas Wasser, das seit Stunden niemand mehr berührt hatte. Im Spiegel blickte ihr der Mensch entgegen, den alle kannten. Mutig. Schillernd. Größer als das Leben. Die Queen.

Dann senkte sie den Blick.

Tiefer. Dorthin, wo Spiegel ihre Arbeit beenden. Dort wartete die alte Frage:
Wer bin ich, wenn der Saal leer ist? Eine Zeit lang hatte sie geglaubt, die Antwort läge auf der Bühne. Im Licht. Im Applaus. Doch an diesem Abend saß sie einfach noch ein wenig länger in dem staubigen Raum und lauschte. Dem Summen der Lampen. Ihrem Atem. Ihrem Herzschlag.

Da wusste sie:

Die Figur auf der Bühne war nie eine Maske gewesen.

Sie war eine Tür.

Durch sie hatte sich all das gezeigt, was tagsüber oft verborgen blieb. Der Mut. Die Zärtlichkeit. Die Sehnsucht. Die Freude. Sie lächelte. Der Applaus war verklungen. Doch die Farben blieben. Und irgendwo zwischen Lippenstift, Müdigkeit und den ersten Stunden des neuen Tages fühlte sie sich begleitet.

Von sich selbst.