
Hörbild: „Der Farbensturm“ – gelesen von Torsten Gripp
Der Farbensturm
In einem Dorf, ganz nah am Meer, lebte eine alte Frau. Sie hieß Friederike und trank gerne Tee aus alten Keramikbechern. Dazu rauchte sie gelegentlich eine Zigarette.
Aber am liebsten malte sie.
Ihre Farben stellte sie selbst her. Kein Mensch wusste genau wie. Manche behaupteten, sie zermahle Sonnenuntergänge zwischen dicken Steinen. Andere schworen, sie fange Gewitterwolken mit leeren Marmeladengläsern ein.
Ihr Haus roch nach nasser Erde, nach Holzstaub und ein wenig nach Orangen.
Eines Nachts kam ein Sturm über das Tal. Türen schlugen. Dachrinnen klapperten wie aufgeregte Löffel. Der Wind fuhr durch die Gassen und riss den Menschen die Hüte vom Kopf. Viele verriegelten ihre Fenster. Friederike öffnete ihre.
Und mitten in dieser Nacht stellte sie eine riesige Leinwand in den Garten. Dann nahm sie den größten Pinsel, den das Dorf je gesehen hatte. Ein borstiges Tier von einem Werkzeug. Schwer wie ein Besen. Und begann zu malen.
Wild.
Mit beiden Armen.
Die Farbe flog durch die Luft. Dicke rote Bahnen. Gelbe Spritzer wie platzende Sonnen. Blau krachte gegen Schwarz. Der Regen lief darüber hinweg und zog alles weiter, als würden die Farben selber fortlaufen wollen.
Die Nachbarn hielten sie für total verrückt.
Doch am Morgen geschah etwas Merkwürdiges.
Das Dorf wirkte leichter.
Die Bäckerin summte beim Teigkneten. Ein Kind sprang barfuß durch Pfützen und lachte dabei so laut, dass selbst die Krähen innehielten. Sogar der mürrische Uhrmacher stellte seinen Stuhl vor die Tür und schenkte den Leuten Pfefferminztee aus.
Als hätte der Sturm etwas aus den Menschen herausgewaschen.
Friederike saß still vor der Leinwand. Ihre Hände zitterten vor Müdigkeit. Auf ihrer Jacke klebten harte Farbkrusten.
Eine kleine blinde Frau tastete sich mit ihrem Stock in ihre Richtung und setzte sich zu ihr auf die Bank vor der Leinwand.
„Beschreib mir das Bild“, sagte sie.
Friederike schwieg lange.
Dann lächelte sie.
„Es klingt wie hundert offene Fenster im Sommer“, sagte sie leise.
Bildbeschreibung (hier klicken)
Der Weg beginnt mitten in einem Wetter aus Farbe. Ein Brausen. Als wenn zwanzig Fenster gleichzeitig aufspringen und der Wind alle Gardinen eines Hauses in die Luft hebt.
Links im Bild rumpelt die Welt noch schwer. Dort knistert es in der Luft wie trockenes Holz im Ofen. Etwas drängt. Etwas will schreien.
Breite Pinselstriche bewegen sich über die Leinwand wie mutige Tiere durch ein Gewitter. Man hört es beinahe. Dieses Schaben der Borsten. Dieses entschlossene Vorwärts.
Und mitten darin gehen zwei Menschen. Hand in Hand. Ganz klein zunächst. Fast verloren zwischen den vielen Bewegungen. Doch ihre Hände finden einander wie zwei warme Steine in kaltem Wasser.
Um sie herum toben die Tage. Raue Stellen. Scharfe Kanten. Farben wie heiße Bleche im Sommer. Andere weich wie Moos unter nackten Füßen. Dann wieder ein Flimmern, das klingt wie Kinderlachen hinter einer geöffneten Tür.
Die beiden gehen weiter nach rechts. Dorthin, wo das Bild heller atmet. Dort wird die Luft milder. Wie der Augenblick, wenn am Abend die Sonne noch einmal durch die Wolken fällt und die alten Mauern die Hitze des Tages wieder abgeben.
Orange fühlt sich an wie warme Hände. Gelb wie Brotduft in einer kleinen Küche.
Und während ringsum die Welt in alle Richtungen explodiert, laufen die beiden durch das große Farbrauschen wie durch ihr eigenes Leben.
Tapfer.
Leicht schief manchmal.
Doch voller Glut.
