PLÄDOYER FÜR EINE VASE

In einer Ausstellung voller makelloser Keramikobjekte fällt sie sofort auf. Eine Vase, deren Risse sich frei über die Oberfläche ziehen. Die Keramik ist in zwei Teile zerbrochen. Ein Draht hält die Fragmente zusammen. Sie ist nicht mehr wasserdicht. Als Vase ungeeignet. Und dennoch steht sie im Zentrum eines Kapitels der Ausstellung Farbe berührt: Inklusion und Nachhaltigkeit.

Die Entscheidung, dieses Stück zu zeigen, ist alles andere als eine sentimentale Geste. Sie ist ein bewusstes Statement. In einer Zeit, in der Funktionsverlust oft zu Wertverlust führt, behauptet diese Vase das Gegenteil. Sie zeigt, dass ein Gegenstand trotz Beschädigung eine Bedeutung haben kann. Dass Schönheit nicht an Perfektion gebunden ist. Und dass Weiterverwendung mehr als eine ökologische Haltung ausdrückt. Sie erzählt von Wertschätzung.

Die Vase eignet sich nicht mehr für Wasser. Doch für Trockenblumen ist sie ideal. Und selbst ohne Inhalt bildet sie ein eigenes ästhetisches Zentrum. Sie steht nicht am Rand der Ausstellung, sondern mittendrin. Das ist ein wichtiger Punkt. Inklusion entsteht genau dort, wo Unterschiedlichkeit nicht abseits präsentiert wird, sondern selbstverständlich Teil des Ganzen ist.

Der chinesische Philosoph Laotse formulierte vor mehr als zweitausend Jahren einen Gedanken, der überraschend modern wirkt. In seinem berühmten Hinweis auf das „Nichts“ beschreibt er die Funktion des Leeren. Nicht die Wände eines Gefäßes, so sagt er, machen es nützlich, sondern der Raum dazwischen. Die Leere verleiht dem Objekt seine Aufgabe.

Überträgt man diesen Gedanken auf die beschädigte Vase, entsteht eine neue Lesart. Nicht der verlorene Nutzen definiert sie. Sondern das, was sich geöffnet hat. Die Risse lassen Licht durch. Sie lassen Luft hinein. Sie machen sichtbar, was vorher verdeckt war. Das Gefäß bekommt nicht weniger Bedeutung, sondern eine andere.

Inklusion bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, ein defektes Objekt aus Mitleid zu integrieren. Es bedeutet, seine veränderte Form ernst zu nehmen und seine Qualitäten neu zu betrachten. Die Vase ist nicht mehr dasselbe Objekt wie früher. Doch sie bleibt ein Objekt mit Charakter. Sie zeigt WandelbarkeitVerletzlichkeitWiderstandskraft. Genau dieser Dreiklang macht sie interessant.

Auch der Aspekt der Nachhaltigkeit erhält hier eine konkrete, fassbare Form. Keramik wegzuwerfen ist immer ein endgültiger Akt. Sie zerschellt, bleibt aber unvergänglich. Ton verschwindet nicht. Hier wurde nicht zerstört, sondern bewahrt. Reparatur wäre kaum möglich gewesen. Also fand man eine Zwischenlösung: ein Draht, pragmatisch, unsentimental. Funktional genug, um den Zustand zu stabilisieren. Sichtbar genug, um die Geschichte nicht zu verstecken.

Am Ende wirkt die Vase fast wie ein leiser Kommentar zur gesamten Ausstellung. Farbe berührt zeigt, wie Nuancen wahrgenommen werden können. Wie Schattierungen emotionale Tiefe eröffnen. Dieses Objekt führt eine weitere Dimension hinzu. Es lenkt den Blick auf die Brüche, die Übergänge, die offenen Stellen.

Und es erinnert daran, dass Wert nicht verschwindet, nur weil etwas anders geworden ist.

Inklusion entsteht genau dort,
wo Unterschiedlichkeit selbstverständlich Teil des Ganzen ist.

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