
Text: „Ein Sommer ohne Konturen“
„Es begann mit einem Streit zwischen den Farben. Blau wollte Meer sein, aber Grün flüsterte von Wiesen. Gelb mischte sich ein und behauptete, es sei die Sonne. Sie begegneten sich auf einem Feld, das keiner von ihnen kannte. „Wir könnten ein Bild werden“, sagte das Grün. „Aber wer soll uns halten?“ fragte Blau. „Jemand, der uns nicht zu scharf sieht“, antwortete Gelb.
Da kam ein alter Fotograf, mit einem Objektiv, zerkratzt und müde. Es hatte viele Jahre Staub gesammelt, aber es wusste, wie man träumt. Die Digitalkamera, jung und ehrgeizig, trug es wie einen alten Freund.
„Ich werde euch abbilden“, sagte die Kamera. „Aber nicht so, wie ihr seid.“ Und so begann die Reise. Als der Verschluss klickte, zitterten die Farben. Blau zerfloss. Grün verlor seine Konturen. Gelb versuchte, eine Blume zu sein, und schaffte es nur halb.
Doch im Bild passierte etwas Merkwürdiges. Die Blume, die nicht wirklich Blume war, begann zu leben. Nicht durch Schärfe, sondern durch Erinnerung. Auf diese Weise konnten sie Farbe sein. Einfach Farbe, ohne störende Konturen.
So fühlen wir uns wohl riefen die Farben im Chor und lachten.“
Hörbild: „Ein Sommer ohne Konturen“ – gesprochen von Vera Kravec.
Hörbild: „Ein Sommer ohne Konturen“ – gesprochen von Meik Kuhl.
Hörbild: „Ein Sommer ohne Konturen op Kölsch“ – gesprochen von Meik Kuhl.
