Die Rückseite des Lichts

Text: Die Rückseite des Lichts.

Am Anfang war es nicht einfach nur Dunkel.
Schwarz verschluckte die Luft.
Menschen standen beieinander. Eng, als könnten sie sich gegenseitig wärmen. Keiner sprach.
Nur der Nebel ihrer Atemzüge zeichnete sich flüchtig gegen die Nacht.
Irgendetwas war geschehen.

Ein Gerücht hatte sich lautlos verbreitet.
Keiner wusste, wer es zuerst gehört hatte.
Aber alle hatten es gespürt.
Etwas Unsichtbares zog ihre Blicke in dieselbe Richtung.

Dort, wo die Dunkelheit am dichtesten war, stand das Unbekannte.
Kein Laut kam von dort. Kein Wind, kein Rascheln. Nur ein Schweigen, das wie eine Stimme klang.

Eine Frau mit roter Bluse hielt den Atem an. Ein Kind griff nach ihrer Hand. Ein alter Mann stellte seinen Fuß fester auf den Boden. Als könnte er das Zittern der Erde aufhalten.

Sie alle starrten in dieselbe Tiefe.
Keiner wagte, den Kopf zu drehen.
Hinter ihnen lag das Gewohnte. Häuser, Straßen, ihre Leben.
Vor ihnen das Unbegreifliche.

Es roch nach Erde. Nach Winterluft und Stille.

Dann geschah es.
Ganz leise.
Wie das sanfte Knacken eines Samenkorns unter der Erde.
Ein Riss im Dunkel.

Ein feines Leuchten kroch hervor. Zögernd. Scheu.
Ein Licht aus dem Schatten selbst. Als hätte die Nacht eine Rückseite.

Es flackerte. Es wuchs.
Wie eine Hand, die sich nach langer Zeit öffnet.

Die Menschen rückten noch näher zusammen.
Einer legte sich die Hand an die Brust.
Eine andere schloss die Augen, als könne sie so besser sehen.
Das Leuchten berührte ihre Gesichter.
Es legte sich wie eine Erinnerung auf ihre Haut.

Das Licht stieg höher. Es nahm die Schatten mit.
Die Dunkelheit verwandelte sich.
Sie wurde durchsichtig.

Ein Kind begann zu lachen. Leise, kaum hörbar.
Die Frau mit der roten Bluse ließ den Atem los.
Der alte Mann weinte. Still, ohne zu wissen warum.

Keiner nannte das Licht beim Namen.
Doch jeder trug es anders in sich fort.
Als Funken im Herzen. Als Spur im Blick.

Später würden manche sagen, ein Stern sei erschienen.
Andere würden von einer Flamme erzählen.
Wieder andere schwören, sie hätten Musik gehört.
Keiner von ihnen hatte gelogen.

Denn was sie sahen, war kein Zeichen am Himmel.
Es war die Rückseite des Lichts.
Ein Ort, an dem das Dunkel nicht verschwindet, sondern leuchtet.
Und so begann etwas, das niemand je ganz verstand.
Ein leises Erwachen inmitten der Nacht.

Die Menschen lösten sich langsam voneinander.
Gingen zurück in ihre Häuser.
Auf ihren Schultern trugen sie nun ein zartes Flimmern.

Hörbild: „Die Rückseite des Lichts“ – gelesen von Vera Kravec.

Hörbild: „Die Rückseite des Lichts“ – gelesen von Torsten Gripp.