Die Ostseeküste

Text: „Wo das Licht den Sand berührt…“

Seit Anbeginn steht sie dort.
Die große Klippe am Meer.
Die Hüterin von Leben.
Tief verwurzelt im Atem der Zeit.

Wanderer kommen, wie sie es immer getan haben.
Mit Taschen, schwer wie Blei.
Mit Geschichten, die darin knirschen.
Am Rand der Klippe öffnen sie sie.
Ihr Schicksal rieselt hinab in das Meer, das die Last verschluckt,
ohne Urteil, ohne Zorn.
Die Wellen tragen sie fort,
wie eine Erinnerung, die zurück ins Offene fließt.

Über allem spannt sich der Himmel.
Tief, still, ein weit geöffnetes Auge.
Und in dieser Weite beginnt das Wunder.

Die Lichtweberin.
die, die dieses Bild einst malte,
stand lange dort.
Unsichtbar wie Tau.
Sie kennt die Sprache des Meeres,
die Pausen zwischen den Wellen.
Und sie weiß: In jeder Dunkelheit ruht ein Licht, das auf seinen Augenblick wartet.

An einem Morgen, so hell, dass die Schatten sich verneigten,
hob das Meer die Hand.
Und gab eine Feder für sie frei.
Zart.
Unzerbrechlich.
Wie ein Gedanke, der nicht untergeht.

Die Feder ist mehr als ein Fund.
Sie ist ein Versprechen.
Für die, die glauben, alles verloren zu haben.
Sie sagt kein Wort.
Doch ihr Schweigen leuchtet.
Sie erinnert an die Leichtigkeit,
die in jedem Anfang wohnt.

Manche finden sie.
Andere tragen sie, ohne es zu wissen.
Unsichtbar im Innersten.
Ein stiller Flügel.
Ein Morgen im Taschenfutter.

Dieses Bild, tief getränkt in Blau, Grün und Türkis,
hütet das Versprechen weiter.
In der Ausstellung wird es zu einem Ort der Sammlung.
Wo Farben einander berühren.
Wo Hoffnung Gestalt annimmt.
Wo eine kleine Feder genügt,
damit ein neuer Weg beginnt.

Hörbild: „Wo das Licht den Sand berührt…“ · gesprochen von Torsten Gripp

Hörbild: „Wo das Licht den Sand berührt…“ – gesprochen von Vera Kravec