Der Blickanker

In Kunstausstellungen spielt Licht eine stille Hauptrolle. Besucher merken es meist erst, wenn es fehlt oder zu viel sagt. Ein gut gesetzter Spot verwandelt das Kunstobjekt in einen Blickanker und jede Farbe erhält ihren Auftritt. Genau darum hält unsere ausgewählte Leuchte nun das Zepter für die Keramiken. Sie wirkt wie ein schlanker Kompass aus Metall und zeigt an, wohin die Aufmerksamkeit wandern soll.

Eine gelungene Inszenierung formt das Denken durch gezielte Blickführung,, durch Spannung zwischen Hell und Dunkel, und durch das feine Schweben zwischen Nähe und Distanz. Der Lichtkegel setzt keine dramatischen Gesten. Eher einen einen zarten Schatten. Er führt sanft, fordert das Auge auf, Form und Farbe klarer zu sehen.

Farben verändern ihren Charakter, sobald ein Lichtfaden sie berührt.

Farben reagieren empfindlich auf jede kleine Verschiebung. Ein Rot wirkt unter warmem Licht wie ein stilles Glühen. Unter neutralem Licht zeigt es seine innere Struktur. Blau liebt klare Strahlen, denn sie heben die Tiefe hervor. Keramik mit rauer Oberfläche verlangt nach einem tangentialen Streiflicht.

Das Schwierige liegt im Suchen nach dem einen Punkt im Raum, an dem die Leuchte ihren Auftrag erfüllt. Verschiebt man sie einen Fingerbreit, verändert sich der Charakter des Objekts. Jede Farbnuance tanzt anders. Jedes Relief erzählt eine neue Version seiner Form. Wir wandern für die Ausstellung mit dem Spot durch die Räume, probieren Positionen aus und wundern uns darüber, wie launisch Farben auf eine unscheinbare Bewegung reagieren.

Der Pinsel tanzt

Das Atelier von Roswitha Schumacher-Kuckelkorn leuchtet in die Nacht wie ein offenes Versprechen. Die große Scheibe, einst Schaufenster, ist jetzt eher ein Rahmen. Es ist kaum ein Abstand zwischen der Straße und ihrer Kunst. Passanten bleiben stehen, gebannt vom Licht und Farbenmeer.

Drinnen die Malerin, umgeben von Pinseln, Gläsern, Tuben, Leinwänden. Auf dem Tisch eine kleine Ordnung im Chaos der Ideen. Rot, Grün, Blau. Jede Farbe steht in Reihe und will zuerst gehört werden. Im Schaufenster gerahmte Bilder. Farbenfrohe Zeugen ihrer Kunst.

Das Atelier von Roswitha Schumacher-Kuckelkorn leuchtet in die Nacht wie ein offenes Versprechen. Die große Scheibe, einst Schaufenster, ist jetzt ein Rahmen – kein Abstand mehr zwischen Straße und Kunst. Passanten bleiben stehen, gebannt vom Licht, das über die Farben streicht, sie lebendig macht. Drinnen steht Roswitha, umgeben von Pinseln, Gläsern, Tuben, Leinwänden. Auf dem Tisch eine kleine Ordnung im Chaos der Ideen. Rot, Grün, Blau – jede Farbe will zuerst gehört werden. Im Vordergrund: Tulpen in einem Glas, kräftig und verletzlich zugleich. Daneben eine weite Landschaft, in der Licht über Wiesen läuft, als wüsste es den Weg. Das Atelier ist Bühne und Werkstatt zugleich. Hier geschieht Malerei im Moment, sichtbar, ungeschützt. Die große Scheibe macht sie öffentlich, ohne sie zu entzaubern. Man spürt, dass Roswitha nicht malt, um etwas zu zeigen – sie malt, um etwas zu finden. Rheinstrasse 207 | Das Atelier von Roswitha Schumacher-Kuckelkorn | 2025

Das Atelier ist Bühne und Werkstatt zugleich. Hier geschieht Malerei im Moment, sichtbar, ungeschützt. Die große Scheibe macht sie öffentlich, ohne sie zu entzaubern. Man spürt, dass Roswitha Schumacher-Kuckelkorn nicht malt, um etwas zu zeigen. Sie malt, um etwas zu finden.

Das Dunkel der Nacht verliert in dem Moment an Gewicht, wo das Licht vom Raum nach draußen fällt. Farbe wird zum freundlichen Wegbegleiter. Lädt ein zum Dialog mit den Werken, bleibt anwesend, selbst wenn man weitergeht. Kunst und Leben sind manchmal nur durch eine Glasscheibe getrennt. Durchsichtig, aber voller Bedeutung.

Um Himmels willen…

Manchmal genügt ein ein kleines Bild und etwas rührt sich in uns. „Um Himmels willen..!“, rufen wir dann. Und meinen: Das trifft mich. Irgendwie. Farben tun das einfach. Sie brauchen keinen Plan, kein Warum. Sie treten auf, als wüssten sie genau, was uns fehlt.

So ist das mit der Farbe. Sie berührt uns ohne jede Erklärung.

Mit der Ausstellung „Farbe berührt“ wollen wir nichts beweisen, aber zeigen, was geschieht, wenn Farbe Raum bekommt. Wenn sie sich mit unserer Stimmung mischt, mit all unseren Erinnerungen, mit dem, was wir hoffen. Ein Bild ist in diesem Moment keine Fläche mehr. Es wird ein Gespräch. Zwischen dem, was außen ist, und dem, was innen antwortet.

Philosophen sagen gern, alles sei Interpretation. Das wird sicherlich stimmen. Aber wer einmal vor einem intensiven Rot stand, weiß, dass Denken da kaum mithalten kann. Farbe ist unglaublich direkt. Sie spricht mit dem Körper und vielleicht ist gerade das ihre Kunst, dass sie uns daran erinnert, das Fühlen vor dem Verstehen kommt. Manche nennen das spirituell. Andere einfach schön. Vielleicht ist es beides. Denn Schönheit hat nichts mit Perfektion zu tun. Sie entsteht im Moment, in dem wir uns berühren lassen. Allein darum lohnt sich das Schauen.

In der Vorbereitung zur Ausstellung fragen viele, worum es geht. Wir sagen dann: Um das, was Farbe mit uns macht. Darum, dass wir plötzlich still werden, ohne zu wissen warum.

Um Himmels willen also.

Aber diesmal freundlich gemeint. Nicht als Ausruf des Entsetzens, sondern als kleine Verneigung vor dem Leben. Das ist keine große Wahrheit, aber vielleicht eine nützliche.

Farbe berührt ist ein Versuch, diese kleinen Momente zu sammeln. Das Leuchten zwischen den Dingen. Das Unspektakuläre, das still glücklich macht. Das ist auch schon alles, was Kunst tun sollte. Sie öffnet eine Tür und wir dürfen durchgehen.

Für einen Augenblick.
Für ein Stück Himmel auf Erden.

Herzenswunsch

Jeder möchte im Herzen berührt werden. Wirklich jeder.
Ob Glück oder Liebe die Schlüssel sein können, wissen wir nicht.
Wir haben unseren eigenen Schlüssel zum Herzen.

Wer durch die Tür des Ateliers tritt, merkt es sofort.
Etwas wechselt die Richtung.
Das Grau bleibt draußen vor der Schwelle stehen.
Drinnen beginnt dann die Farbe zu sprechen.
Leise. Klar. Direkt ins Herz.

Manche Besucher lehnen sich erst an die Wand.
Tun so, als würden sie nur schauen.
Doch dann kippt der Moment.
Ein Gelb stupst sie an. Das Blau öffnet den Raum.
Rot erzählt von der Liebe.

Farbe kann das.
Sie braucht keine Bedienungsanleitung.
Sie erreicht die Menschen dort, wo sie empfänglich sind.
Ganz automatisch.

Unsere Ateliers sind keine Orte zum Flanieren mit verschränkten Armen.
Es sind Räume zum Arbeiten. Zum Atmen. Zum Staunen.
Zum Berührtwerden, ohne dass jemand „Berührung“ sagen muss.

Die Bilder hängen nicht still.
Sie leben.
Sie sehen dich an, auch wenn du wegschaust.
Einige sind charmant, andere frech, manche erholsam wie eine Pause.
Manche drängen sich allein durch ihre Größe auf, andere sind winzig klein.
Und doch nicht zu übersehen.

Wer möchte, bleibt lange.
Wer will, kommt nur kurz vorbei.
Beides zählt.
Denn Farbe macht keine Unterschiede.

Vielleicht schleicht sich ja der Hauch einer Farbe mit dir nach Hause.
In der Jacke, im Haar, in einem Gedanken.
Farbe hat diese Art, sich einzunisten. Unauffällig. Beharrlich.

Ein Atelier ist kein Käfig.
Es ist ein Platz, an dem Dinge passieren dürfen.
Nicht groß. Nicht laut.
Einfach nah.

Komm rein.
Stell dich mitten hinein.
Lass die Farbe machen.
Den Rest erledigt dein Herz.

Warum kein Diamant in der Reichskrone zu finden ist.

Als die Deutschen Kaiser sich über Jahrhunderte hinweg die Reichskrone aufsetzten, war sie mehr als Schmuck. Sie war Sprache. Eine stumme Liturgie aus farbigem Licht. Jeder Stein, jede Farbe. Ein Versprechen. Eine Kraft.

In alten Chroniken wird erzählt, dass die Kaiser, bevor sie die Krone aufsetzten, innehielten. Man glaubte, die Farben gingen über in das Herz des Trägers und so gab man ihnen Zeit. Nicht das Gold machte mächtig. Sondern die Kraft der Farben der Edelsteine.

In Mythen, in Liedern, in Märchen waren die Farben nie stumm. Blau wird zur Treue, Rot zur Liebe, Grün zum Aufbruch. In der Literatur tragen Farben Erinnerungen. In Faust, der Tragödie erster Teil, lässt Johann Wolfgang von Goethe Farben flirren wie Seelenzustände. Das Purpur des Abends, das matte Grau der Gewöhnung („Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.“), das helle Licht der Erkenntnis. Farben sind dort keine Kulisse, sie sind Stimmungsträger, seelischer Raum.
Im Märchen schimmert die Farbe oft als Schwelle. Ein rotes Käppchen wird zum Zeichen eines Weges, den man nicht mehr umkehren kann. Ein goldener Ball fällt in den Brunnen und weckt ein Schicksal. Ein blauer Berg liegt hinter dem Bekannten, als Ort der Verwandlung. Die Alchimisten des Mittelalters wussten ebenfalls um diese Sprache. Farben waren für sie Stufen einer Wandlung. Schwarz: das Dunkel, aus dem alles beginnt. Weiß: das Erwachen. Rot: die Lebenskraft. Gold: die Vollendung.
In der Malerei der Kathedralen brannten die Farben in den Fenstern. Buntes Glas ist durchscheinend, aber nicht leer. Wenn das Licht durch die Fenster fällt, verwandelt es farbiges Glas in Himmel. Wer darunter stand, wurde von farbigen Sonnenstrahlen berührt..

Unsere Ausstellung Farbe berührt knüpft an dieses uralte Wissen an. Farbe ist für uns kein Dekor. Farbe ist Berührung. Farbe trägt. Sie kann trösten wie eine warme Decke. Und wachrufen wie ein lautes Lied.
Außerdem kann sie Räume öffnen, in denen Worte fehlen. Manchmal genügt ein Tupfer Blau, um Weite zu spüren. Ein Schimmer Grün, und der Körper erinnert sich an das Aufatmen der Wälder. Ein Hauch Rot, und das Herz schlägt fester.

Farben sind Brücken. Von der äußeren Welt zur inneren. Von der Geschichte in die Gegenwart. Von der Krone auf dem Haupt der Kaiser in den Blick eines Menschen, der vor einem Bild steht.

Kein Diamant.
Nur Glanz.
Nur Stimme.
Nur Farbe.

Und mitten darin der Mensch.

(Text: Gripp)

Ganz nah dran…

Es gibt Bilder, die nur beeindrucken, wenn man sie aus der Ferne betrachtet.
Und es gibt die, die ihr Geheimnis erst preisgeben, wenn man sich ganz nah herantraut.

Für diese Ausstellung haben wir beides vorbereitet.
Für die kleinen Kunstwerke: große Lupen, ein Mikroskop. Werkzeuge, die den Blick schärfen.

Unter dem Glas liegen Ausschnitte der Kunst.
Fragmente, die das Ganze in sich tragen. Pigmente wie Sternenstaub. Risse wie leise Landkarten.
Wer sich beugt, entdeckt eine Welt, die im Alltag unbemerkt bleibt.
Ein Farbwirbel, der wie ein Ozean wirkt. Ein Schatten, der ein eigener Kontinent ist.

Wir laden ein, die Augen neu zu erfinden.

Oktober 2026.
Ein Raum in der Städtischen Galerie Wesseling für das Nahe, das Ungeahnte.
Für alle, die sehen wollen, was sonst unsichtbar bleibt.

Kunst müssen alle.

Essen müssen alle.
Das ist so selbstverständlich, dass niemand darüber nachdenkt.

Doch wenn man den Satz verschiebt, öffnet sich eine andere Wahrheit: Kunst müssen alle.
Auch das ist Nahrung.

Schon in der Steinzeit haben Menschen Bilder an Höhlenwände gemalt.
Tiere, Jäger, Hände.
Nicht nur als Dekor, sondern zur Erinnerung, Orientierung, Trost.
In diesen Zeichnungen hielten sie ihre bewegte Zeit fest.
Ein Stein wurde Leinwand, ein Strich zum Halt im Unbekannten.

Daraus spürt man: Kunst war nie Luxus.
Sie war von Anfang an wichtiges Lebensmittel.

Wenn wir essen, nehmen wir etwas auf.
Wir stillen Hunger.
Kunst stillt einen anderen Hunger.
Nicht den des Magens, sondern den der Augen und Gedanken.
Wer ein Bild betrachtet, kostet Farben wie ein Stück Brot.
Man geht nicht satt hinaus, aber man hat sich verändert.

Und darum sollten Sie in unsere Kunstausstellung gehen!
Weil dort Räume warten, die nicht nach Arbeit riechen und nicht nach Alltag.
Sondern nach Möglichkeit.

Ein Bild hängt da.
Ein Rot, das brennt.
Ein Grün, das Leben verspricht.
Man steht davor und weiß nicht warum, aber man bleibt.
Genau in diesem Innehalten geschieht das, was Worte nicht fassen: Berührung.

Farbe berührt.
Sie fragt nicht nach Vorwissen.
Sie verlangt keinen Kommentar.
Sie wirkt wie Feuer an einer kalten Stelle.
Und manchmal reicht ein einziger Strich, um die Erinnerung an eine Wiese, eine Stimme, einen Sommer wachzurufen.

Viele glauben, Museen und Galerien seien schwer zugänglich.
Zu fremd, zu leise, zu abgehoben.
Doch in Wahrheit sind sie Küchen.
Offene Räume, in denen gekocht wird, nur eben mit Bildern, Tönen, Formen.
Der Künstler bereitet zu.
Der Besucher kostet.
Und beide teilen denselben Tisch.

Kunst müssen alle.
Nicht aus Zwang.
Nicht aus Pflicht.
Sondern weil wir sonst verhungern an Bedeutungslosigkeit.

Ein Tag ohne Bild ist wie ein Tag ohne Geschmack.
Man lebt, ja. Aber man lebt flacher.

Ein Ausstellungsbesuch ist kein feierlicher Akt.
Er ist eine Mahlzeit für die Sinne.
Wer sich einmal traut, die Schwelle zu überschreiten, spürt sofort, dass etwas geschieht.
Eine Tür geht auf.
Nicht im Raum, sondern im Innern.

So einfach.
So notwendig.
Wie Essen.

Vielleicht wird Kunst nie so alltäglich wie Brot.
Doch sie trägt denselben Kern:
Sie nährt.
Sie verbindet.
Sie erinnert uns daran, dass wir Menschen sind.
Seit der Höhle, seit dem ersten Strich im Stein.

Und deshalb gilt der Satz.
Kunst müssen alle.

(Text: Gripp)

„Farbe kann mehr aufblühen lassen als Worte, weil sie dort berührt, wo der Hunger nach Leben zuhause ist.“