Warum kein Diamant in der Reichskrone zu finden ist.

Als die Deutschen Kaiser sich über Jahrhunderte hinweg die Reichskrone aufsetzten, war sie mehr als Schmuck. Sie war Sprache. Eine stumme Liturgie aus farbigem Licht. Jeder Stein, jede Farbe. Ein Versprechen. Eine Kraft.

In alten Chroniken wird erzählt, dass die Kaiser, bevor sie die Krone aufsetzten, innehielten. Man glaubte, die Farben gingen über in das Herz des Trägers und so gab man ihnen Zeit. Nicht das Gold machte mächtig. Sondern die Kraft der Farben der Edelsteine.

In Mythen, in Liedern, in Märchen waren die Farben nie stumm. Blau wird zur Treue, Rot zur Liebe, Grün zum Aufbruch. In der Literatur tragen Farben Erinnerungen. In Faust, der Tragödie erster Teil, lässt Johann Wolfgang von Goethe Farben flirren wie Seelenzustände. Das Purpur des Abends, das matte Grau der Gewöhnung („Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.“), das helle Licht der Erkenntnis. Farben sind dort keine Kulisse, sie sind Stimmungsträger, seelischer Raum.
Im Märchen schimmert die Farbe oft als Schwelle. Ein rotes Käppchen wird zum Zeichen eines Weges, den man nicht mehr umkehren kann. Ein goldener Ball fällt in den Brunnen und weckt ein Schicksal. Ein blauer Berg liegt hinter dem Bekannten, als Ort der Verwandlung. Die Alchimisten des Mittelalters wussten ebenfalls um diese Sprache. Farben waren für sie Stufen einer Wandlung. Schwarz: das Dunkel, aus dem alles beginnt. Weiß: das Erwachen. Rot: die Lebenskraft. Gold: die Vollendung.
In der Malerei der Kathedralen brannten die Farben in den Fenstern. Buntes Glas ist durchscheinend, aber nicht leer. Wenn das Licht durch die Fenster fällt, verwandelt es farbiges Glas in Himmel. Wer darunter stand, wurde von farbigen Sonnenstrahlen berührt..

Unsere Ausstellung Farbe berührt knüpft an dieses uralte Wissen an. Farbe ist für uns kein Dekor. Farbe ist Berührung. Farbe trägt. Sie kann trösten wie eine warme Decke. Und wachrufen wie ein lautes Lied.
Außerdem kann sie Räume öffnen, in denen Worte fehlen. Manchmal genügt ein Tupfer Blau, um Weite zu spüren. Ein Schimmer Grün, und der Körper erinnert sich an das Aufatmen der Wälder. Ein Hauch Rot, und das Herz schlägt fester.

Farben sind Brücken. Von der äußeren Welt zur inneren. Von der Geschichte in die Gegenwart. Von der Krone auf dem Haupt der Kaiser in den Blick eines Menschen, der vor einem Bild steht.

Kein Diamant.
Nur Glanz.
Nur Stimme.
Nur Farbe.

Und mitten darin der Mensch.

(Text: Gripp)

Ganz nah dran…

Es gibt Bilder, die nur beeindrucken, wenn man sie aus der Ferne betrachtet.
Und es gibt die, die ihr Geheimnis erst preisgeben, wenn man sich ganz nah herantraut.

Für diese Ausstellung haben wir beides vorbereitet.
Für die kleinen Kunstwerke: große Lupen, ein Mikroskop. Werkzeuge, die den Blick schärfen.

Unter dem Glas liegen Ausschnitte der Kunst.
Fragmente, die das Ganze in sich tragen. Pigmente wie Sternenstaub. Risse wie leise Landkarten.
Wer sich beugt, entdeckt eine Welt, die im Alltag unbemerkt bleibt.
Ein Farbwirbel, der wie ein Ozean wirkt. Ein Schatten, der ein eigener Kontinent ist.

Wir laden ein, die Augen neu zu erfinden.

Oktober 2026.
Ein Raum in der Städtischen Galerie Wesseling für das Nahe, das Ungeahnte.
Für alle, die sehen wollen, was sonst unsichtbar bleibt.

Kunst müssen alle.

Essen müssen alle.
Das ist so selbstverständlich, dass niemand darüber nachdenkt.

Doch wenn man den Satz verschiebt, öffnet sich eine andere Wahrheit: Kunst müssen alle.
Auch das ist Nahrung.

Schon in der Steinzeit haben Menschen Bilder an Höhlenwände gemalt.
Tiere, Jäger, Hände.
Nicht nur als Dekor, sondern zur Erinnerung, Orientierung, Trost.
In diesen Zeichnungen hielten sie ihre bewegte Zeit fest.
Ein Stein wurde Leinwand, ein Strich zum Halt im Unbekannten.

Daraus spürt man: Kunst war nie Luxus.
Sie war von Anfang an wichtiges Lebensmittel.

Wenn wir essen, nehmen wir etwas auf.
Wir stillen Hunger.
Kunst stillt einen anderen Hunger.
Nicht den des Magens, sondern den der Augen und Gedanken.
Wer ein Bild betrachtet, kostet Farben wie ein Stück Brot.
Man geht nicht satt hinaus, aber man hat sich verändert.

Und darum sollten Sie in unsere Kunstausstellung gehen!
Weil dort Räume warten, die nicht nach Arbeit riechen und nicht nach Alltag.
Sondern nach Möglichkeit.

Ein Bild hängt da.
Ein Rot, das brennt.
Ein Grün, das Leben verspricht.
Man steht davor und weiß nicht warum, aber man bleibt.
Genau in diesem Innehalten geschieht das, was Worte nicht fassen: Berührung.

Farbe berührt.
Sie fragt nicht nach Vorwissen.
Sie verlangt keinen Kommentar.
Sie wirkt wie Feuer an einer kalten Stelle.
Und manchmal reicht ein einziger Strich, um die Erinnerung an eine Wiese, eine Stimme, einen Sommer wachzurufen.

Viele glauben, Museen und Galerien seien schwer zugänglich.
Zu fremd, zu leise, zu abgehoben.
Doch in Wahrheit sind sie Küchen.
Offene Räume, in denen gekocht wird, nur eben mit Bildern, Tönen, Formen.
Der Künstler bereitet zu.
Der Besucher kostet.
Und beide teilen denselben Tisch.

Kunst müssen alle.
Nicht aus Zwang.
Nicht aus Pflicht.
Sondern weil wir sonst verhungern an Bedeutungslosigkeit.

Ein Tag ohne Bild ist wie ein Tag ohne Geschmack.
Man lebt, ja. Aber man lebt flacher.

Ein Ausstellungsbesuch ist kein feierlicher Akt.
Er ist eine Mahlzeit für die Sinne.
Wer sich einmal traut, die Schwelle zu überschreiten, spürt sofort, dass etwas geschieht.
Eine Tür geht auf.
Nicht im Raum, sondern im Innern.

So einfach.
So notwendig.
Wie Essen.

Vielleicht wird Kunst nie so alltäglich wie Brot.
Doch sie trägt denselben Kern:
Sie nährt.
Sie verbindet.
Sie erinnert uns daran, dass wir Menschen sind.
Seit der Höhle, seit dem ersten Strich im Stein.

Und deshalb gilt der Satz.
Kunst müssen alle.

(Text: Gripp)

„Farbe kann mehr aufblühen lassen als Worte, weil sie dort berührt, wo der Hunger nach Leben zuhause ist.“