RSK – P 3

Der rote Mantel

Am Morgen legte sie den Schlüssel auf den Küchentisch. Daneben stand noch die Tasse vom Abend. Auf dem Boden lag ein Krümel Brot. Durch das Fenster fiel dasselbe Licht wie an all den anderen Tagen.

Sie ging noch einmal durch die Räume und blieb schließlich im Flur stehen. An der Wand war eine dunkle Stelle, dort hatte jahrelang ihre alte Jacke gehangen. Sie strich mit der Hand darüber, nahm den neuen, den roten Mantel vom Haken, den sie gestern gekauft hatte und zog ihn an.

Draußen war es kalt. Sie zog den Kragen hoch und ging los. An der ersten Kreuzung hätte sie noch umkehren können, an der zweiten auch. Sie kannte jede Haustür, jeden Baum und sogar die Stelle im Pflaster, an der sich nach einem Regen das Wasser sammelte. Doch irgendwann endeten die vertrauten Straßen. Der Weg führte zwischen dunklen Hängen hindurch. Manchmal wurde er so schmal, dass ihre Schuhe über die Steine rutschten. Einmal blieb sie stehen und schaute zurück. Von dort oben sah alles erstaunlich klein aus. Sie konnte ihr Haus längst nicht mehr erkennen.

Also ging sie weiter.

Am Nachmittag begegnete ihr eine Frau mit einem Korb. Die beiden grüßten sich und gingen aneinander vorbei. Später kam ihr ein Hund entgegen, schnupperte kurz an ihrem roten Mantel und lief seines Weges, als wäre alles vollkommen in Ordnung.

Gegen Abend hörte sie Wasser. Zwischen den Bäumen fand sie einen Bach, setzte sich ans Ufer, zog die Schuhe aus und hielt die Füße hinein. Das Wasser war so kalt, dass sie lachen musste.
Erst jetzt fragte sie sich, wohin sie eigentlich wollte. Sie schaute dem Wasser zu, das zwischen den Steinen verschwand und irgendwo anders wieder auftauchen würde.

Eine Antwort fand sie nicht.

Als es langsam dunkel wurde, zog sie die Schuhe wieder an. Vor ihr führte der Weg weiter zwischen den Bergen hindurch. Ganz hinten lag noch ein heller Streifen am Himmel.

Sie stand auf und ging ihm entgegen.

Bildbeschreibung (hier klicken)

Eine dunkle Bewegung durchzieht die Leinwand wie ein aufbrechender Sturm. Die Farbe wirkt geworfen, gedrängt, beinahe gejagt. Breite Pinselbahnen schieben sich übereinander, kratzen aneinander vorbei, verdichten sich zu einem Raum voller Unruhe. Schwarz, tiefes Blau und schwere Violetttöne bestimmen zunächst das Bildfeld. Dazwischen flackern helle Einschlüsse auf wie Atemzüge.

Bildbeherrschend eine Figur mit roter Jacke und langen Haaren. Unscharf. Flüchtig. Vielleicht ein Mensch im Lauf. Vielleicht bloß eine Erinnerung daran. Gerade diese Unschärfe verleiht dem Werk seine eigentliche Spannung. Die Leinwand erzählt keinen festen Vorgang. Sie öffnet einen Zustand.

Bemerkenswert ist der ferne Horizont im oberen Bereich. Dort kippt die Farbigkeit plötzlich ins Grünliche und Helle. Das Bild verliert an Härte. Der Raum beginnt zu atmen.

Die Malerei arbeitet dabei weniger mit Darstellung als mit körperlicher Energie. Jeder Pinselzug bleibt sichtbar. Man spürt Geschwindigkeit, Druck, Widerstand. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätte die Farbe selbst um Licht gerungen.

Das Werk verweigert jede dekorative Harmonie. Gerade darin liegt seine Kraft. Zwischen Bedrängnis und Aufbruch entwickelt sich eine stille Hoffnung, die sich eher ertasten als erklären lässt.