RSK – P 3

Hinter dem Tunnel aus Wind

Der Mann lief schon seit Stunden.

Vielleicht auch seit Jahren.

So genau wusste er das selber längst nicht mehr.

Der Wind drückte ihm kalt ins Gesicht. Hinter ihm klapperten Türen. Irgendwo bellte ein Hund. Schritte hallten durch die engen Straßen der Stadt, obwohl dort niemand mehr zu sehen war. Die Häuser standen dunkel und hoch wie nasse Felsen.

Er lief schneller.

Sein Atem brannte.

Seine Hände waren zu Fäusten geballt, wie kleine gefangene Tiere.

Um ihn herum schob sich die Nacht zusammen. Blau. Schwer. Bedrohlich. Fast als würde die Welt selbst enger werden wollen.

Und trotzdem lief er weiter.

Dann plötzlich änderte sich etwas.

Ganz weit hinten.

Zuerst war es bloß ein schmaler Streifen. Ein kaum sichtbares Grün zwischen den dunklen Schatten. Daneben ein ruhiges Blau, weich wie tiefer Schlaf.

Der Mann blieb stehen.

Zum ersten Mal hörte er etwas anderes als seine Angst.

Wasser.

Ganz leise.

Ein Fluss musste dort fließen.

Er ging langsam weiter. Der Boden wurde weicher unter seinen Schuhen. Gras streifte seine Knöchel. Die Luft roch plötzlich nach Regen und nach Erde statt nach kaltem Stein.

Niemand wartete dort auf ihn.

Kein Wunder geschah.

Der Himmel riss auch nicht auf wie in schlechten Filmen.

Doch irgendwo im Dunkel begann eine Amsel zu singen. Mitten in der Nacht. Vollkommen grundlos.

Da musste der Mann plötzlich lachen.

Ganz kurz nur.

Ein kleines, erschrockenes Lachen.

Als hätte sein Körper etwas früher verstanden als sein Kopf.

Bildbeschreibung (hier klicken)

Eine dunkle Bewegung durchzieht die Leinwand wie ein aufbrechender Sturm. Die Farbe wirkt geworfen, gedrängt, beinahe gejagt. Breite Pinselbahnen schieben sich übereinander, kratzen aneinander vorbei, verdichten sich zu einem Raum voller Unruhe. Schwarz, tiefes Blau und schwere Violetttöne bestimmen zunächst das Bildfeld. Dazwischen flackern helle Einschlüsse auf wie Atemzüge.

Bildbeherrschend eine Figur mit roter Jacke und langen Haaren. Unscharf. Flüchtig. Vielleicht ein Mensch im Lauf. Vielleicht bloß eine Erinnerung daran. Gerade diese Unschärfe verleiht dem Werk seine eigentliche Spannung. Die Leinwand erzählt keinen festen Vorgang. Sie öffnet einen Zustand.

Bemerkenswert ist der ferne Horizont im oberen Bereich. Dort kippt die Farbigkeit plötzlich ins Grünliche und Helle. Das Bild verliert an Härte. Der Raum beginnt zu atmen.

Die Malerei arbeitet dabei weniger mit Darstellung als mit körperlicher Energie. Jeder Pinselzug bleibt sichtbar. Man spürt Geschwindigkeit, Druck, Widerstand. Dadurch entsteht der Eindruck, als hätte die Farbe selbst um Licht gerungen.

Das Werk verweigert jede dekorative Harmonie. Gerade darin liegt seine Kraft. Zwischen Bedrängnis und Aufbruch entwickelt sich eine stille Hoffnung, die sich eher ertasten als erklären lässt.