RSK – A 2

Der Mann, der Licht in Taschen nähte

Der alte Farbenhändler wohnte in einem windschiefen Haus am Ende der Straße, dort, wo der Wald begann und die Wege bei Regen nach Pilzen rochen. Das verblichene Reklameschild knarrte im Wind. Die Tür klemmte im Sommer. Im Winter summte der Ofen im Verkaufsraum wie ein schläfriger Bär.

Eines Morgens fand er vor seiner Tür ein Mädchen mit roten Gummistiefeln. Sie trug einen Korb voller Kieselsteine. Jeder Stein fühlte sich anders an. Rau wie altes Brot. Glatt wie Seife. Warm wie eine Katze auf der Fensterbank.

„Ich sammle Farben“, sagte sie.

Der alte Mann lachte leise. „Farben kann man sehen. Deine Steine sind grau – ohne Farbe.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Dann legte sie ihm einen Stein in die Hand. Plötzlich roch er Aprikosen. Sommerregen. Frische Erde nach einem Gewitter. Ein zweiter Stein fühlte sich an wie das Lachen seiner Mutter damals in der Küche, als der Kuchenteig überlief. Ein dritter vibrierte sanft wie Kirchenglocken weit draußen im Nebel.

Von diesem Tag an mischten sie gemeinsam Farben für Menschen, die traurig geworden waren. Eine Farbe klang wie ein Akkordeon am offenen Fenster. Eine andere schmeckte nach Himbeeren und Sonntag. Manche Farben machten die Schultern leicht. Andere gaben dem Herzen wieder Platz zum Atmen.

Die Menschen kamen mit schweren Schuhen in den Laden. Und gingen langsamer hinaus. Fast staunend. Als hätte jemand heimlich Licht in ihre Taschen genäht.

Abends saßen der alte Mann und das Mädchen vor dem Laden. Der Wind strich durch die Bäume. Aus der Ferne klapperte ein Zug über die Schienen.

„Glaubst du“, fragte der alte Mann, „dass die Welt irgendwann heilt?“

Das Mädchen hielt einen warmen Kieselstein aus ihrer Sammlung gegen seine Handfläche während im Hintergrund ein Güterzug über die Schienen ratterte.

„Die Welt heilt jeden Tag ein kleines Stück“, sagte sie. „Immer dann, wenn jemand einem anderen Menschen Farbe schenkt.“

Bildbeschreibung (hier klicken)

Ein Bild wie ein geöffneter Sommertag kurz vor einem Gewitter. Große Flächen aus leuchtendem Gelb und Orange tragen Wärme in den Raum. Darüber treiben breite, schnelle Pinselbewegungen in Weiß und Ocker, weich wie Wind in hohen Wolken.

Im Zentrum liegt ein tiefes Ultramarinblau. Schwer. Samtig. Fast wie ein stiller See in der Nacht. Dieses Blau hält das Bild zusammen. Es sammelt die Unruhe der Farben und gibt ihr Richtung.

Darunter fließen Türkis und helle Wasserfarben ineinander. Dünne Linien laufen senkrecht über die Leinwand, als hätte Regen begonnen oder als würden Farbfäden langsam nach unten sinken. Dazwischen tauchen rote und violette Spuren auf. Kleine Erschütterungen. Herzschläge im Farbraum.

Die Oberfläche wirkt bewegt und körperlich. Manche Stellen erscheinen dicht und pastos, andere transparent wie Glas oder feuchtes Papier. Der Blick findet keinen festen Gegenstand. Eher eine Stimmung. Ein inneres Wetter.

Das Bild erzählt von Energie, von Aufbruch und von jener seltsamen Freude, die entsteht, wenn Chaos plötzlich zu tanzen beginnt.