
Text: „Margerite.“ – hier klicken.
Es war einmal eine Blume.
Sie stand am Wegesrand. Mitten unter all den anderen Pflanzen.
Wer sie ansah, rieb sich die Augen. Ihre Blätter wirkten wie aus Nebel gemacht, als hätten sie beschlossen, sich ein kleines Geheimnis zu bewahren. Nur ihr Herz, tief im Inneren, leuchtete klar und warm. Ein goldenes Flämmchen. Ganz still. Aber entschieden.
Die Menschen im Dorf nannten sie Margerite. Manche gingen an ihr vorbei und sagten: „Ich sehe sie kaum.“ Andere blieben stehen und flüsterten: „Sie sieht mich.“ Denn so war es mit ihr. Man konnte nicht alles an ihr erkennen. Doch was man erkannte, traf mitten ins Herz hinein.
Eines Tages kam ein junger Wolkensammler des Weges. Er trug eine Tasche voller unsichtbarer Dinge: ein Lachen vom letzten Sommer, ein Stück Abendrot, das er aufgehoben hatte, und ein paar Geigenklänge, die ihm aus dem Himmel gefallen waren, als dieser einmal besonders voll hing.
Als er die Blume sah, blieb er stehen.
„Warum versteckst du dich?“, fragte er.
Die Blume schmunzelte, soweit Blumen eben schmunzeln können. „Ich verstecke mich nicht. Ich vertraue.“
Der Wolkensammler kniete sich zu ihr. Jetzt sah er es. Das Weiß ihrer Blätter leuchtete wie ein Hochzeitskleid. Wie ein Versprechen. Rein wie ein erster Gedanke am Morgen. Und in ihrer Mitte leuchtete ein sanftes Gelb.
„Du bist unscharf“, sagte er leise.
„Nur für die Eiligen“, antwortete sie.
Da setzte er sich neben sie und atmete tief. Und je länger er blieb, desto deutlicher wurde sie. Sie erzählte ihm von der Kraft der Liebe, die stärker ist als jede Rüstung. Von einer Liebe, die nicht drängt und doch alles bewegt. Von dem Mut, nicht vollständig gesehen zu werden und dennoch zu leuchten.
Der Wolkensammler öffnete seine Tasche. Er schenkte ihr das Abendrot. Sie gab ihm dafür ein wenig von ihrem Gelb. Seit diesem Tag trug er einen kleinen Sonnenkern in sich. Selbst im dichtesten Nebel fand er von nun an Wärme.
Im Dorf bemerkte man es bald. Der Wolkensammler lächelte häufiger. Und wer an Margerite vorbeiging, spürte eine sanfte Berührung. Ein Innehalten. Ein warmes Aufblühen im eigenen Inneren.
So standen sie dort.
Blume und Wolkensammler.
Weiß und Gelb.
Nebel und Glut.
Und wer genau hinsah, begriff: Ein einziges Leuchten im Herzen verwandelt die Welt.
(T.G.)
Hörbild: „Margerite“ – gesprochen von Vera Kravec.
