
Text: Die Vase, die nicht aufgab
Frisch geformt stand im stillen Atelier eine Vase aus schwarzem Ton. Ihr Leib trug noch die Erinnerung an feuchte Erde. Sie erwartete den Brennofen, der sie hart und widerstandsfähig machen sollte, wie eine Prüfung, die Sinn verleiht. Darauf freute sie sich.
Der Töpfer aber atmete tief. Feuer entscheidet. Es klärt oder verwirft. Das wusste er aus Erfahrung.
Bei über tausend Grad schloss sich der Raum. Glut legte sich um die Vase. Der Ton zog sich zusammen. Spannung sammelte sich im Inneren. Dann ein scharfer Klang. Kurz. Unmissverständlich. Die Vase riss entzwei und kippte zur Seite. Der Ofen brannte weiter.
Hitze kennt kein Bedauern.
Am nächsten Morgen öffnete der Töpfer die Tür. Er sah die zwei Teile am Boden des Ofens. Keine Überraschung in seinem Blick. Nur ein ruhiges Staunen. Er hob die Scherben, wog sie in seinen Händen und spürte, dass immer noch Kraft darin war. Die Vase schien nicht komplett zerbrochen. Es war ihm, als rief sie um Hilfe. Er nahm einen einfachen Draht, zog ihn sachte um die Vase herum und spannte die Wände wieder zusammen. Kein Gold. Kein Glanz. Nur ehrlicher Eisendraht, der zwei Seiten hält, die einander kennen.
Im Inneren leuchtete ihr Rot. Warm. Klar. Das Rot wartete auf Pflanzen. Auf dieses tiefe Grün von Blättern, die sich in seinem Inneren ausbreiten sollten. Das Rot wollte spielen. Es wollte mit den Farben im Raum sprechen. Mit dem Blau der Tasse auf dem Regal. Mit dem Ocker des Holzbodens. Mit dem sanften Weiß des Fensters. Es wartete auf fünf Farben. Sie sollten seine Freunde werden. Ein kleiner Bund, der die Welt sammelt. Ein Kreis aus Farbtönen, die sich gegenseitig stärken.
Menschen schauten sie an. Manche hielten inne. Manche lächelten. Manche fühlten einen kleinen Druck im Brustkorb, als würde sich dort ein Faden aus Licht lösen. Die Vase schenkte ihnen etwas. Eine Art ruhige Kraft, die in der Seele und im Herzen bleibt, auch, wenn man den Raum verlässt.
Ein alter Mann war besonders fasziniert, kaufte sie und nahm sie mit nach Hause. Er legte ein Tuch aus Leinen auf die Fensterbank in der Küche. Stellte die Vase darauf.
Dann ging er seinen Geschäften nach. Am nächsten Morgen schob sich die Sonne langsam auf die Fensterbank und fiel auf die Vase. Ein goldheller Moment. Die Vase glühte tiefrot im Inneren. Genau das hatte sie sich gewünscht und der Draht hielt sie still und fest, als wüsste er auf was es ankommt.
Die Menschen im Haus kannten das Fenster in der Küche. Sie kamen jeden Morgen daran vorbei. Nun sahen sie die Vase zum ersten Mal. Sie stand mitten in der Sonne. Sie glänzte. Ihr Schatten wanderte über das Holz. Hinter dem Fenster lag die Ferne. Ein Feld. Ein Weg. Ein Stück Himmel. Grün. Braun. Blau. Zusammen mit dem Rot und dem Schwarz des Tons waren die fünf Freunde gefunden. Und so wurde die Vase zum Glückszeichen. Ein leiser Beginn für jeden Tag. Und in all dem lag ein sanftes Ja zum Sein.
Hör-Keramik: „Die Vase, die nicht aufgab.“ · gelesen von Torsten Gripp.
