
Warten
Vier kleine Vasen warten da. Wie Spatzen kurz vor der Fütterung haben sie ihre roten Münder geöffnet. Sie warten auf Blumen und sind erstaunlich anspruchslos. Eine Rose würde ihnen gefallen, ein Gänseblümchen ebenso, ein krummer Zweig vom Wegesrand oder ein paar Gräser, die jemand auf dem Heimweg gepflückt hat.
Niemand weiß, was einmal in ihnen stehen wird. Die Vasen selbst wohl am allerwenigsten. Also tun sie das Einzige, was ihnen übrig bleibt: Sie halten etwas frei.
Das klingt leichter, als es ist. Menschen füllen gern, was leer ist. Einen Schrank, einen Kalender, eine Gesprächspause, einen stillen Nachmittag. Selbst auf eine Fensterbank wird irgendwann etwas gestellt. Das scheint die kleinen Vasen wenig zu kümmern. Sie stehen da mit ihren roten Mündern und warten auf das, was eines Tages kommen wird.
Vielleicht ist Leere manchmal genau das: ein Platz, der schon da ist, bevor wir wissen, wofür.
Beschreibung
Vier Vasen
Kokoro Kurinuki, Steinzeug, glasiert
Die vier kleinen Vasen wirken zunächst wie kompakte, beinahe archaische Gefäße. Ihre Körper sind aus dem massiven Ton herausgearbeitet. Schnitte, Abtragungen und Spuren der Bearbeitung bleiben sichtbar und geben jeder Vase eine eigene Gestalt. Die dunklen, erdigen Oberflächen entziehen sich der Gleichmäßigkeit; sie bewahren den Charakter des Materials und den Weg ihrer Entstehung.
Erst an den schmalen Öffnungen verändert sich die Wahrnehmung. Ein tiefes Rot erscheint am Rand und setzt sich im Inneren fort. Die Glasur liegt damit ausgerechnet dort, wo sie dem Blick weitgehend entzogen bleibt. Sie schmückt das Gefäß nicht von außen, sondern markiert seinen verborgenen Raum.
Gerade dieses Verhältnis von äußerer Zurückhaltung und innerer Farbigkeit bestimmt die Gruppe. Die kleinen roten Öffnungen erinnern an geöffnete Münder und verleihen den Vasen etwas beinahe Kreatürliches. Trotz ihrer massiven Körper wirken sie dadurch erwartungsvoll und wach.
Als Gebrauchsgefäße finden die Arbeiten ihre Ergänzung erst durch das, was in sie hineingestellt wird. Blüte, Zweig oder Gras verändern ihre Erscheinung immer wieder. Die Vase bildet dabei weniger einen Rahmen für die Pflanze als einen kleinen, freigehaltenen Raum, aus dem etwas wachsen kann.
