FARBE BERÜHRT ist ein Ausstellungskonzept von Roswitha Schumacher-Kuckelkorn und Torsten Gripp. Ausgangspunkt ist die künstlerische Auseinandersetzung mit gemeinsamen Motiven. Malerei und Fotografie zeigen unterschiedliche Interpretationen desselben Gegenstands und werden in der Ausstellung einander gegenübergestellt.
Zu ausgewählten Werken entstehen literarische Texte, Hörstücke und Musik. Keramische Arbeiten erweitern das Konzept um eine taktile Ebene. Die zusätzlichen Inhalte sind über NFC-Tags, über jedes beliebiges Smartphone, direkt am jeweiligen Werk abrufbar.
Diese Angebote erklären oder interpretieren die Kunstwerke nicht. Sie eröffnen weitere Zugänge und ermöglichen unterschiedliche Formen der Wahrnehmung.
Dieser Ansatz bildet zugleich die Grundlage des inklusiven Konzepts von FARBE BERÜHRT. Die Ausstellung richtet sich gemeinsam an sehende, sehbehinderte und blinde Besucher. Visuelle, akustische, sprachliche und taktile Angebote stehen gleichberechtigt nebeneinander. Gesonderte Bereiche für einzelne Besuchergruppen sind nicht vorgesehen.
Das Konzept wurde im Oktober 2026 erstmals in der Städtischen Galerie Wesseling realisiert. Bereits zur Vernissage kamen mehr als 140 Besucher. Auch im weiteren Verlauf der Ausstellung zeigte sich ein anhaltend großes Interesse. Viele Besucher nutzten die Hörangebote und nahmen sich gezielt Zeit für die Geschichten zu den Werken.
Damit erwies sich ein wesentlicher Teil des Konzepts auch in der praktischen Anwendung als tragfähig. Die zusätzlichen Zugänge wurden vom Publikum nicht lediglich als begleitende Information wahrgenommen. Sie wurden zu einem eigenständigen Bestandteil des Ausstellungsbesuchs.
Eine weitere praktische Erprobung erfolgte beim Besuch einer Gruppe des Kölner Blinden und Sehbehindertenvereins. Blinde, sehbehinderte und sehende Besucher begegneten denselben Werken und tauschten ihre Wahrnehmungen miteinander aus. Dabei zeigte sich, dass ein gemeinsames Gespräch über Kunst auch von sehr unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung ausgehen kann.

FARBE BERÜHRT verbindet damit drei Bereiche: den künstlerischen Dialog zwischen Malerei und Fotografie, die Erweiterung der Kunstwahrnehmung durch unterschiedliche Medien und einen inklusiven Ausstellungsansatz.
Das Konzept ist für weitere Ausstellungsorte angelegt. Umfang, Werkauswahl und Vermittlungsangebote können den jeweiligen räumlichen und institutionellen Bedingungen angepasst werden.
Der Grundgedanke bleibt bestehen: Unterschiedliche Zugänge führen zum selben Kunstwerk. Die daraus entstehenden Wahrnehmungen stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Über die Begegnung mit Kunst (Roswitha Schumacher-Kuckelkorn & Torsten Gripp)
Wer in eine Galerie oder ein Museum geht, will sich gewöhnlich eine Ausstellung ansehen. Uns geht es jedenfalls so. Wir betrachten Kunst und sagen hinterher vielleicht, dieses oder jenes Bild hätten wir uns besonders genau angeschaut. Sobald andere Sinne dazukommen, verändert sich das Vokabular. Dann ist von Audioguides die Rede, von Tastführungen, multisensorischen Angeboten oder Museumspädagogik. Nur das Auge braucht keinen besonderen Namen. Es darf einfach schauen.
Dabei betreten wir ein Museum mit unserem ganzen Körper. Die Hände, die Ohren, die Nase kommen mit. Ein großer Saal fühlt sich anders an als ein enger Flur, Schritte auf Stein klingen anders als auf Holz. Manche Materialien scheinen wir bereits zu kennen, bevor wir sie berührt haben. Eine grobe Tonschale weckt andere Erwartungen als ein Stück Glas.
Natürlich möchten wir nicht, dass sich täglich dreitausend Menschen mit ihren Fingern durch einen Vermeer arbeiten. Abstand hat gute Gründe. Manche Dinge überleben unsere Nähe nur, wenn wir sie in Ruhe lassen.
Uns beschäftigt allerdings ein anderer Abstand. Ein Kunstwerk bekommt Raum, manchmal einen gewaltigen. Hohe Wände, viel Luft, gutes Licht und drei Meter freie Wand auf jeder Seite. Wir betreten die Ausstellung und wissen, bevor wir das Werk überhaupt richtig erfasst haben: Das hier ist wichtig.
Im Flur kann das anders sein. Dort hängt vielleicht ebenfalls ein gutes Bild. Nur sind wir unterwegs, wollen in einen anderen Raum, zur Garderobe oder meinetwegen zur Toilette. Beim nächsten Besuch gehen wir wieder daran vorbei. Irgendwann kennen wir das Bild, ohne je wirklich vor ihm gestanden zu haben.
Womöglich überschätzen wir gelegentlich die Macht der Kunst und unterschätzen die Macht dessen, was sie umgibt. Ein Saal kann uns etwas geben, das ein Durchgang kaum besitzt: die Erlaubnis zu bleiben.
Allerdings genügt selbst das manchmal kaum. Wir können zwei freie Stunden haben, auf einer bequemen Bank sitzen, das Telefon schweigt und vor uns hängt ein großartiges Bild. Trotzdem interessiert uns womöglich das Paar zwei Meter weiter mehr. Oder seine Schuhe. Wir denken ans Abendessen, an Fußball oder an irgendeine vollkommen belanglose Nachricht. Das tut der Kunst keinen Gefallen, aber es passiert.
Lange haben wir bei der Zugänglichkeit von Kunst vor allem an äußere Voraussetzungen gedacht. Ist der Raum erreichbar? Können wir ein Werk sehen? Dürfen wir näher heran? Gibt es Informationen dazu? Inzwischen beschäftigt uns etwas, das sich schwerer fassen lässt.
Wir brauchen Einlass.
Das Wort gefällt uns, weil wir es bisher genau andersherum kannten. Am Eingang eines Museums wird uns Einlass gewährt. Wir zeigen unsere Karten und dürfen hinein. Vor einem Kunstwerk verhält es sich anders. Wir stehen davor und warten womöglich auf etwas, von dem wir selbst kaum wissen, was es sein könnte.
Ein Museum kann einen großartigen Raum bereitstellen. Ein Künstler hat vielleicht Monate an seiner Arbeit verbracht. Jemand stellt uns einen Stuhl hin, erzählt eine Geschichte oder spielt Musik vor. Und trotzdem geschieht womöglich gar nichts. Ein anderes Mal erwischt uns etwas. Eine Farbe, eine Form oder ein Gesicht auf einer Fotografie. Wir bleiben stehen, obwohl wir weitergehen wollten.
Wir haben beide schon vor Werken gestanden, von denen andere Menschen begeistert waren, und gedacht: Tja. Dann sind wir weitergegangen.
So etwas lässt sich schwer beeinflussen. Wir können uns Zeit nehmen, einen ruhigen Platz suchen und versuchen, aufmerksam zu sein. Ob uns ein Werk tatsächlich erreicht, erfahren wir erst, wenn wir davorstehen.
Ein Kunstwerk kann Erinnerungen wecken, Sehnsucht oder Widerwillen auslösen. Manchmal fällt uns etwas ein, das wir längst vergessen glaubten. Auch Geräusche und Gerüche können das. Eine Kirche hat ihren Hall. Ein Atelier riecht nach Farbe, Papier oder feuchtem Ton. Und plötzlich denken wir an einen Menschen, einen Ort oder einen Nachmittag vor vielen Jahren.
Wir haben uns gefragt, was geschieht, wenn bei der Begegnung mit Kunst auch andere Sinne eine Rolle spielen. Daraus soll allerdings kein Zirkus werden. Ein Gemälde braucht keinen Duftspender, eine Fotografie muss keine Musik bekommen und eine empfindliche Zeichnung darf hinter Glas bleiben. Manchmal möchten wir vor einem Bild schlicht schauen.
In unserer gemeinsamen Ausstellung FARBE BERÜHRT haben wir einiges davon ausprobiert. Am Anfang standen unsere Arbeiten: Malerei, Fotografien und Keramik. Dann begannen wir, Geschichten zu schreiben. Einige lassen sich lesen, andere hören. Aus manchen entstanden Lieder. Geräusche kamen hinzu. Keramiken dürfen in die Hand genommen werden.
Die Besucher machten damit ihre eigenen Erfahrungen. Wer eine Geschichte hörte, erinnerte sich womöglich an etwas, das mit dem Bild auf den ersten Blick wenig zu tun hatte. Wer eine Keramik in den Händen hielt, spürte ihr Gewicht, ihre Oberfläche und die Spuren ihrer Entstehung. Andere beschäftigten sich mit den Farben oder entdeckten eine Form, die ihnen vertraut erschien. Alle begegneten demselben Werk, doch jeder brachte seine eigene Wirklichkeit mit.
Besonders interessant fanden wir die Gespräche, die daraus entstanden. Jemand erzählte von etwas, das ein anderer übersehen hatte. Eine Erinnerung kam hinzu, eine überraschende Deutung, manchmal auch ein Widerspruch. Wir hörten zu und erfuhren gelegentlich Dinge über unsere Arbeiten, an die wir beim Malen, Fotografieren oder Formen überhaupt nicht gedacht hatten.
Erst während der Vorbereitungen wurde uns bewusst, dass unsere Arbeit auch mit einem Begriff zu tun hat, der gewöhnlich mit großen gesellschaftlichen Aufgaben verbunden ist: Inklusion. Wir sind froh, dass dieses Wort erst später hinzukam. Denn die Vorstellung, Menschen zunächst in Gruppen einzuteilen und anschließend für jede Gruppe ein besonderes Kunstangebot zu entwickeln, erscheint uns fragwürdig. Hier die Sehenden, dort die Blinden. Hier die Kunstkenner, dort diejenigen, die lieber Fußball schauen.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Seine Erfahrungen, Vorlieben, Erinnerungen und Grenzen. Selbst zwei Menschen, die ein Bild auf dieselbe Weise betrachten können, werden darin womöglich völlig Unterschiedliches entdecken.
Während unserer Ausstellung gab es eine Begegnung, an die wir besonders gern zurückdenken. Blinde und sehende Besucher unterhielten sich über ein abstraktes Gemälde. Sie sprachen über Farben, über Formen und darüber, was sie darin wahrnahmen. Ihre Vorstellungen unterschieden sich, ihre Erfahrungen ebenso. Doch sie führten ein gemeinsames Gespräch über dasselbe Kunstwerk. Niemand musste dafür die Wahrnehmung des anderen übernehmen.
Wir hatten bei der Vorbereitung unserer Ausstellung viel darüber nachgedacht, wie Menschen unsere Arbeiten auf unterschiedliche Weise erfahren könnten. Nun standen sie beieinander und unterhielten sich über Kunst. Über dasselbe Bild, das jeder auf seine Weise wahrnahm. Die Vorsitzende des Kölner Blindenvereins, Marisa Sommer, sagte später: „Das war eine gute Ausstellung.“
Darüber haben wir uns sehr gefreut.
Wir hatten viel darüber nachgedacht, wie Menschen unsere Kunst erfahren könnten. An diesem Nachmittag erfuhren wir etwas von ihnen.
