TG-K-5

Der richtige Becher

Clara kam später als gewöhnlich aus dem Büro und ärgerte sich darüber, dass sie auch noch einkaufen musste. In der einen Hand trug sie ihre Tasche, in der anderen eine Papiertüte, deren Henkel bereits verdächtig knirschten. Es hatte angefangen zu regnen, und bis nach Hause waren es noch gut zwanzig Minuten.

An der nächsten Kreuzung musste sie warten. Gegenüber lag eine kleine Galerie, an der sie schon oft vorbeigegangen war. Im Schaufenster standen an diesem Abend einige dunkle Becher. Einer davon war so weit nach vorne gerückt, dass er fast ein wenig verloren wirkte.

Die Ampel wurde grün. Clara ging hinüber, blieb vor dem Fenster stehen und betrachtete den Becher. Schön, dachte sie zuerst. Gleich danach fragte sie sich, warum sie ausgerechnet dieses etwas eigenwillige Ding schön fand. Der Becher war alles andere als vollkommen. Seine Oberfläche zeigte Vertiefungen und Spuren, und selbst der Rand schien sich mit der Vorstellung von Gleichmäßigkeit nur flüchtig beschäftigt zu haben.

Die Tür der Galerie stand einen Spalt offen. Clara sah auf die Uhr, dann auf ihre Einkaufstüte und ging hinein. Hinter einem Tisch saß eine Frau und las.

„Darf ich den anfassen?“, fragte Clara und zeigte auf den Becher.

„Unbedingt.“

Clara nahm den Becher aus dem Fenster und hielt ihn zunächst vorsichtig, wie einen Gegenstand, der eigentlich nur betrachtet werden wollte. Dann legte sie die zweite Hand darum.

Etwas Merkwürdiges geschah.

Ihre Finger fanden von selbst ihren Platz. Sie drehte den Becher ein wenig und strich mit dem Daumen über die Oberfläche. Sie fühlte kleine Mulden, eine Kante und Stellen, an denen der Ton beinahe glatt war. Andere Flächen blieben rau. Dort, wo ihre Finger lagen, schien der Becher ihnen entgegenzukommen.

„Der passt genau in meine Hände“, sagte sie.

Die Frau hinter dem Tisch lächelte. „Probieren Sie einen anderen.“

Clara nahm den nächsten. Er fühlte sich vollkommen anders an. Ihre Finger mussten sich neu orientieren, fanden aber auch dort nach wenigen Augenblicken ihren Platz. Beim dritten geschah dasselbe. Nun wurde Clara neugierig. Sie nahm einen nach dem anderen in die Hände. Jeder fühlte sich anders an, und jeder schien auf eine andere Weise richtig zu sein. Schließlich griff sie wieder nach dem ersten.

Ihr Daumen fand sofort die kleine Vertiefung wieder.

„Hat derjenige, der die gemacht hat, seine Spuren absichtlich darin gelassen?“

Die Frau nahm den Becher kurz in die Hand und betrachtete ihn. „Ich glaube, er hat nur aufgehört, sie zu beseitigen.“

Clara schwieg. Dieser Gedanke gefiel ihr. Sie stellte sich vor, wie eine fremde Hand den weichen Ton gehalten hatte. Vielleicht hatte genau dort ein Daumen gelegen, wo jetzt ihrer lag. Zwei Hände begegneten sich, obwohl zwischen ihnen möglicherweise Wochen oder Monate lagen und die Menschen, zu denen sie gehörten, einander nie begegnen würden.

Draußen rauschte ein Bus durch den Regen. Clara sah auf die Uhr und erschrak. Sie musste längst zu Hause sein.

Morgen wollte sie noch einmal kommen. Zu ihrem Becher.

Beschreibung

Becher

Kokoro Kurinuki, Steinzeug

Ein Gefäß lässt sich mit den Augen erfassen. Bei diesen Bechern reicht das Sehen allein jedoch kaum aus. Ihre eigentliche Form zeigt sich erst in der Hand.

Jeder Becher fordert einen anderen Griff. Finger finden Vertiefungen, der Daumen bleibt an einer Kante liegen, eine raue Fläche trifft auf die Innenfläche der Hand. Erstaunlicherweise entsteht dabei selten das Gefühl, sich einer ungewöhnlichen Form anpassen zu müssen. Eher geschieht das Gegenteil: Der Becher scheint den Händen entgegenzukommen.

Damit verschiebt Torsten Gripp eine vertraute Vorstellung von Gestaltung. Die Form endet hier nicht an der Oberfläche des Gefäßes. Für den Augenblick des Gebrauchs gehören die Hände dazu.

Einige Arbeiten tragen noch deutlich die Spuren ihrer Entstehung. Druckstellen und Unebenheiten wurden weder geglättet noch verborgen. Wo einst die Hände des Keramikers den weichen Ton berührten, liegen später die Hände eines anderen Menschen.

So entsteht eine stille körperliche Begegnung über die Zeit hinweg: Eine Hand hinterlässt eine Form. Eine andere findet darin ihren Platz.