TG-K-1

Der Abend im Becher

Jeden Abend, immer zur gleichen Zeit, ging ein alter Töpfermeister zum Fluss unten am Dorfrand. Er setzte sich ans Ufer und wartete, bis das letzte Licht auf dem Wasser lag. Dann schaute er eine Weile. Schließlich schloss er die Augen und ließ den Tag vorüberziehen, so wie das Wasser an ihm vorüberzog.

Eines Tages nahm er einen Becher mit. Oben war er hell wie der Himmel kurz vor der Dunkelheit, und an seinem Fuß hatte sich schon die Nacht gesammelt. Er füllte ihn mit Wasser und stellte ihn neben sich. Er sah in den Himmel, hinüber zu den Bäumen und auf den Fluss. Dann nahm er den Becher und trank einen Schluck. Und noch einen.

Als er nach Hause ging, war der Becher leer.
Der Abend war geblieben.

Beschreibung

Dieser Becher verlangt nach der Hand. Sein Körper wächst kräftig aus einem kleinen Fuß und öffnet sich nach oben. Der Rand folgt keiner gleichmäßigen Linie. Er steigt und fällt leicht, sodass der Mund bei jedem Trinken eine andere Stelle finden kann.

Über dem tiefen Blau des unteren Gefäßes liegt eine helle, milchige Glasur. Sie fließt über die Wand, sammelt sich, wird dünner und dichter. Am oberen Rand erscheint eine dunklere, unregelmäßige Linie. Das Feuer hat sichtbar an der Oberfläche mitgearbeitet.

Ein solcher Becher erschließt sich erst im Gebrauch vollständig. Die Hand umfasst ihn, die Finger lernen seine Unebenheiten, der Mund begegnet seinem Rand. Mit der Zeit sieht der Besitzer Stellen an diesem Becher, die eigentlich nur seine Hände kennen.