
Der freie Platz
In der Werkstatt war es warm. Auf dem kleinen Ofen stand eine Kanne mit Tee, die manchmal leise mit dem Deckel klapperte. An den Wänden hingen Werkzeuge, auf der Fensterbank lagen ein paar Kastanien, gerade erst gesammelt, und irgendwo unter dem Tisch schlief die Katze.
Jeden Morgen kam der Meister früh in seine Werkstatt. Er sah sich um, jeden Tag, als wäre er zum ersten Mal in diesem Raum. Dann setzte er Wasser auf, öffnete das Fenster einen Spalt und begann an einer kleinen Tasse zu arbeiten. An diesem Morgen stand Egon, das Kind vom Nachbarn, in der Tür. Es war schon eine ganze Weile dort, bevor der Meister es bemerkte.
„Was machst du da?“
„Ich nehme etwas weg.“
Das Kind kam näher und fragte: „Warum?“
Der Meister betrachtete das Stück vor sich. „Weil zu viel da ist.“
Das Kind verstand das offenbar überhaupt nicht. Es zog sich einen Hocker heran und setzte sich. Der Meister arbeitete weiter. Kleine Stücke fielen auf den Tisch. Einige waren kaum größer als Brotkrümel. Andere nahm er vorsichtig zwischen zwei Finger, betrachtete sie und legte sie beiseite.
Nach einer Weile fragte das Kind: „Woher weißt du, was wegmuss?“
Der Meister hielt kurz inne. „Das weiß ich erst, wenn ich dort angekommen bin.“
„Wo?“
„Das weiß ich vorher auch noch nicht.“
Das Kind schüttelte den Kopf. Erwachsene waren manchmal anstrengend. Die Kanne auf dem Ofen begann wieder zu klappern. Langsam wurde das, was auf dem Tisch lag, kleiner. Zugleich entstand darin etwas, das vorher verborgen gewesen war.
Ein Raum.
Das Kind rückte näher. „Jetzt noch ein bisschen“, sagte es.
Der Meister nahm sein Werkzeug und setzte es an. Kurz bevor er weitermachte, hielt er inne und legte es zurück auf den Tisch.
„Warum machst du nicht weiter?“
„Weil Wegnehmen genauso schwer ist wie Aufhören.“
Das Kind betrachtete lange, was vor ihm lag. Dann nahm es die Hände zu einer kleinen Schale zusammen.
„Hier ist auch Platz.“
Der Meister sah hinein. „Stimmt.“
„Und was kommt da jetzt hinein?“
Draußen strich der Wind durch die Blätter. Die Katze unter dem Tisch öffnete kurz ein Auge, und auf dem Ofen wurde das Wasser heiß.
„Das finden wir heraus.“
Beschreibung
Espressotassen
Kokoro Kurinuki, Steinzeug
Diese Espressotassen sind als Gebrauchsgefäße gedacht. Sie gehören in die Hand, auf den Tisch und zum täglichen Ritual des Kaffeetrinkens. Zugleich entfernen sie sich deutlich von der vertrauten, meist rotationssymmetrischen Form einer Tasse.
Die Gefäße entstehen in einer von Torsten Gripp entwickelten Variante der japanischen Kurinuki Technik, die er Kokoro Kurinuki nennt. Ausgangspunkt ist ein kompakter Tonkörper. Die Form wird durch Schneiden, Abtragen und Aushöhlen entwickelt. Dadurch entstehen Flächen, Kanten und leichte Unregelmäßigkeiten, die den Herstellungsprozess sichtbar und mit den Händen erfahrbar lassen.
Besonders markant sind die kräftigen, skulptural wirkenden Henkel. Sie bilden mit dem kleinen Gefäßkörper eine zusammenhängende Form und geben jeder Tasse ihren eigenen Charakter. Die dunkle, zurückhaltende Außenfläche steht im Kontrast zur glasierten Innenseite und zum hellen Rand.
Trotz ihrer skulpturalen Erscheinung bleiben die Arbeiten bewusst Alltagsgegenstände. Sie dürfen benutzt, gehalten und gespürt werden. Gerade darin liegt ein wesentlicher Teil ihrer Gestaltung: Die Form erschließt sich erst vollständig, wenn die Hand hinzukommt.











