RSK-A-4

Die Stadt unter den Wolken

Hoch über der Erde, knapp unter den Wolken, hing eine kleine Stadt an gewaltigen Seilen. Niemand wusste mehr, wer sie dort aufgehängt hatte. Die Seile waren dick wie Baumstämme und hielten selbst den schwersten Stürmen stand. Nur manchmal, wenn der Wind kräftig gegen die Häuser drückte, schwankten die Straßen ein wenig und aus den Dachstühlen hörte man es leise knacken.

In dieser Stadt regnete es seit vielen Jahren. Das Wasser lief über Dächer und Mauern, sammelte sich in den Rinnen und machte die Steine unter den Füßen glatt. Wer die Hand aus dem Fenster hielt, spürte kaltes Wasser über die Finger laufen. Mit der Zeit schien der Regen fast alle Farben aus der Stadt gewaschen zu haben.

Eines Abends kam ein Mensch über die schmale Brücke, die hinaus in die Welt führte. Er trug einen orangefarbenen Mantel. Der nasse Stoff lag schwer auf seinen Schultern, doch seine Farbe war warm wie eine Tasse Tee zwischen kalten Händen. Am Rand der Stadt, wo das Wasser aus tausend Rinnen in die Tiefe stürzte, setzte er sich auf einen Stein. Dort fand ihn ein Kind.

„Warum trägst du so eine grelle Farbe?“, fragte es.

Der Fremde strich über seinen nassen Mantel. „Weil ich sie mag.“

Das Kind wartete auf eine bessere Antwort. Es kam aber keine.

Am nächsten Morgen war der Fremde fort. Ein paar Tage später fand das Kind ein kleines Stück orangefarbenen Stoff vor dem Stein und band zuhause an eine Leine. Der Wind ließ es flattern und leise gegen die Mauer schlagen.

Bald hing ein rotes Tuch zwei Häuser weiter. Jemand stellte einen blauen Topf auf ein Fensterbrett. Eine Frau strich ihre Haustür türkis, und eines Morgens waren die alten Seile, an denen die Stadt hing, mit kleinen bunten Bändern übersät. Niemand wusste so recht, wer damit angefangen hatte.
Der Regen hörte deshalb nicht auf. Die Stadt schwankte weiter im Wind, die Balken knarrten und kaltes Wasser lief über die Steine. Doch das Grau war nun voller kleiner Farben, die vorher dort gefehlt hatten.

Manchmal stand das Kind am Rand der Stadt, hielt das Gesicht in den feuchten Wind und dachte an den Fremden im orangefarbenen Mantel. Dann griff es nach einem der bunten Bänder und ließ es zwischen seinen Fingern flattern.

Bildbeschreibung (hier klicken)

Die Leinwand wirkt wie ein Gespräch zwischen Glut und Wasser. Kräftige Brauntöne drängen aus der Tiefe nach vorne, treffen auf kühle Blau und Türkistöne, die sich wie Windbahnen durch das Bild ziehen. Dazwischen liegen helle Partien aus Weiß und sandigem Gelb, fast wie Licht, das durch schwere Wolken bricht.

Nichts an dieser Malerei bleibt still.

Die Farbe schiebt, kratzt, überlagert und öffnet Räume zugleich. Manche Bereiche wirken dicht und körperlich, beinahe wie aufgerissene Erde. Andere lösen sich wieder auf, werden leicht, transparent, atmend. Gerade dieses Wechselspiel erzeugt eine starke innere Bewegung.

Im Zentrum scheint eine menschliche Gestalt aufzutauchen. Keine klar umrissene Figur, eher eine Erscheinung aus Farbe und Licht. Für einen Moment wirkt es, als würde sich dort jemand durch die Farbschichten hindurchbewegen. Vielleicht tastend. Vielleicht getragen. Im nächsten Augenblick zerfließt diese Wahrnehmung wieder.

Auffällig ist die Energie des Farbauftrags. Die breiten Pinselbahnen behalten ihre Geschwindigkeit. Man spürt Druck, Richtungswechsel und spontane Entscheidungen. Dadurch besitzt das Werk eine unmittelbare körperliche Präsenz. Es wirkt weniger gemalt als erlebt.

Trotz seiner Intensität trägt das Bild eine große Offenheit in sich. Zwischen den warmen und kalten Zonen entsteht eine Atmosphäre von Aufbruch. Als würde sich hinter der Unruhe bereits etwas Helleres ankündigen. Kein dramatischer Wendepunkt. Eher ein langsames Aufklaren am Rand eines langen Wetters.