TG-M-1

Gold und Blau

Jeden Abend kamen Menschen.

Der Winter hatte die Stadt früh in die Dunkelheit geschickt. Vor einem großen Schaufenster blieb irgendjemand stehen. Erst einer. Dann zwei. Dann mehrere. Hinter dem Glas stand ein Motorrad. Schwarz. Glänzend. Teuer. Begehrenswert. Die Menschen betrachteten es, als wäre es mehr als eine Maschine. Manche fotografierten. Andere nickten anerkennend. Einige standen einfach nur da. Niemand kannte den anderen. Trotzdem entstand Abend für Abend derselbe Halbkreis.

Eines Tages blieb ein seltsamer Herr stehen. Er hatte eine Teekanne unter dem Arm. Die Kanne war bauchig. Dunkel. Ein wenig schief. So, als hätte sie ihren eigenen Kopf. Er stellte sie vorsichtig auf die steinerne Fensterbank und betrachtete das Motorrad.

Nach einer Weile fragte ein Junge neben ihm:

„Gefällt Ihnen das Motorrad?“

Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Es ist schön.“

„Warum schauen Sie dann so lange?“

Der Mann lächelte.

„Ich schaue auf die Menschen.“

Der Junge verstand nicht.

Der Mann deutete auf den Halbkreis.

„Siehst du das?“

„Klar.“

„Vor tausend Jahren wäre hier ein Feuer gewesen.“

Der Junge blickte auf das Motorrad.

„Und heute ist es das?“

„Offenbar.“

Der Junge lachte.

„Das ist doch bloß ein Motorrad.“

„Natürlich.“

Der Mann nickte.

„Und das Feuer war bloß Feuer.“

Sie schwiegen eine Weile. Immer mehr Menschen blieben stehen. Eine Frau mit Einkaufstaschen. Zwei Jugendliche. Ein Radfahrer. Ein älteres Paar. Goldenes Licht fiel aus dem Schaufenster auf die nassen Steine. Die Gesichter spiegelten sich im Glas.

„Komisch“, sagte der Junge.

„Was denn?“

„Die Leute schauen alle auf das Motorrad. Aber eigentlich schauen sie doch auf etwas anderes.“

Der Mann sah ihn überrascht an.

„Vielleicht.“

„Auf was denn?“

Der Mann nahm die Teekanne in die Hand.

„Darauf versuche ich seit vielen Jahren eine Antwort zu finden.“

Der Junge betrachtete die Kanne.

„Und?“

„Manchmal glaube ich, die Menschen suchen gar keinen Gegenstand.“

„Sondern?“

Der Mann blickte auf den Halbkreis.

„Einen Grund, zusammenzustehen.“

Die Menschen verteilten sich langsam in alle Richtungen. Das Motorrad blieb zurück. Still. Glänzend. Unverändert. Der Junge sah dem älteren Mann nach. Er hatte sich bereits auf den Weg gemacht. Die Teekanne schaukelte leicht in seiner Hand.

„Hey!“, rief der Junge.

Der Mann drehte sich um.

„Wie heißen Sie eigentlich?“

Der Alte hob die Kanne ein Stück an.

„Alexander.“

Dann ging er weiter.

Der Junge blieb noch einen Augenblick stehen. Das Schaufenster leuchtete. Die Straße leuchtete. Die Stadt leuchtete. Und plötzlich erschien ihm der Abend größer als ein Motorrad. Denn für einen kurzen Moment waren Fremde zusammengekommen.